INTEGRAL WORLD: EXPLORING THEORIES OF EVERYTHING
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Ray Harris Ray Harris is a frequent contributor to this website. He has written articles on 9/11, boomeritis, the Iraq war and Third Way politics. Harris lives in Australia and can be contacted at: rharris6@bigpond.net.au.



„Ich glaube, dass eine integrale Theorie logischerweise die Schaffung einer Gesellschaft verlangt, die der Sexualität positiv gegenübersteht, und sie verlangt die Zurückweisung und Abschaffung aller Ideologien und Haltungen, die der Sexualität negativ gegenüberstehen.“

INTEGRALE
SEXUALWISSENSCHAFT

Ray Harris

Wir alle sind an Sexualität interessiert. Es ist überhaupt der dritte Appetit –Trinken, Essen und Sexualität, und trotzdem existieren mächtige Tabus in Bezug auf Sexualität. Es ist keine einfache Angelegenheit. Manche Menschen empfinden ein Unbehagen, wenn sie darüber reden oder es tun. Sie ist auch deutlich mit Spiritualität verbunden – trotzdem haben einige Religionen eine anti-sexuelle Moral....

SWas sollte demnach eine integrale Theorie hinsichtlich der Sexualität vorschlagen ?

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts haben eine Reihe von Schriftstellern begonnen, die westlichen vorherrschenden Haltungen gegenüber der Sexualität zu hinterfragen. Einer der Pioniere war Havelock Ellis. Er schrieb ein Buch, in dem er nahelegte, dass Homosexualität einfach eine natürliche Variante sei. Er führte als erster die Idee an, dass Frauen an der Sexualität Freude haben können und sollten. Der Platz erlaubt mir nicht, ins Detail zu gehen, doch es ist wohlbekannt, dass es einige sehr eigenartige Ideen über die Sexualität gab: Orgasmus bei Frauen wurde als ein Anzeichen von Hysterie angesehen, Masturbation wurde als moralisch und körperlich schwächend angesehen, und Homosexualität wurde als abwegig angesehen. All das wurde von einer Gruppe von Denkern angegriffen, die argumentierten, dass das Studium der Sexualität wissenschaftlich durchgeführt werden sollte, unabhängig von moralischem Vorurteil. Dieses Feld wurde als Sexualwissenschaft bekannt.

Zur gleichen Zeit begann die Anthropologie als eine Disziplin entwickelt zu werden. Die kolonialistische Expansion führte Europäer in eine weite Verschiedenheit von kulturellen Praktiken ein, einschließlich radikal unterschiedlicher Ansichten über den Sex. Havelock Ellis [1] schrieb das Vorwort zu einem bahnbrechenden Buch von Stanislav Malinowski [2] mit dem Titel ‚Das sexuelle Leben der Wilden in Nordwest-Melanesien'. Das Buch untersuchte die sexuellen Praktiken der Trobriand – Insulaner, und es zeigte die Dynamik einer sehr liberalen und offenen Betrachtungsweise auf. Malinowski widersprach Freuds Theorie vom Ödipuskomplex, und sexuelle Indeterministen fanden in seinem Werk Beweise, dass das meiste der europäischen Haltung auf einer falschen und irrationalen Furcht basierte.

Diese neuen Betrachtungsweisen führten zur Schaffung der Weltliga für sexuelle Reform [3], die Ellis, Freud, Wilhelm Reich und die Schriftsteller Aldous Huxley und HD Lawrence einbezog. Diese Gruppe wurde von Magnus Hirschfeld [4] gegründet, der auch das erste Institut eröffnete, das der Disziplin der Sexualwissenschaft gewidmet war, das Institut für Sexualforschung in Berlin.

Der Aufstieg der Nazis und der Zweite Weltkrieg unterbrachen die Sexualforschung (die Nazis zerstörten 1933 das ISF – viele der Darstellungen, wie die Nazis Bücher verbrannten, zeigten sie beim Zerstören der Bibliothek des Instituts). Die Arbeit der Sexualwissenschaft lag brach bis Alfred Kinsey [5] und später Masters und Johnson [5]. Das Feld der Sexualwissenschaft ist jetzt ziemlich gut eingerichtet.

Wie kann die integrale Theorie zu dieser Disziplin beitragen ? Gibt es überhaupt eine integrale Sexualwissenschaft ?

ETHNOGRAFIE UND SEXUALWISSENSCHAFT Es gibt enorme Unterschiede bei den Haltungen verschiedener Kulturen gegenüber der Sexualität. Eine Kultur betrachtet die Klitoris als böse und schneidet sie weg, wohingegen eine andere Kultur sie wertschätzt und versucht, sie zu vergrößern. Eine Kultur verdammt die Knabenliebe, doch eine andere institutionalisiert sie. Eine Kultur erlaubt außereheliche Affären, doch eine andere verdammt sie. Eine Kultur erlaubt nur Monogamie, andere Kulturen dagegen praktizieren verschiedene Formen der Polygamie. Eine Kultur versucht, die sexuelle Erfahrung bei Jugendlichen zu verbieten, und eine andere ermutigt sie aktiv. Eine Kultur verbirgt Sex vor den Kindern, eine andere versteckt ihn jedoch nicht und erlaubt Kindern in ausgesprochen sexuellen Spielen zu schwelgen. Eine Kultur verurteilt die Ejakulation für andere Zwecke als die Zeugung, eine andere dagegen wertschätzt sie für ihre medizinischen Eigenschaften. Eine Kultur erkennt den weiblichen Orgasmus nicht an, doch eine andere wertschätzt ihn und kann verschiedene Typen beschreiben. Nachdem sie die Unterschiede zwischen den Gesellschaften bemerkt hatten, schlugen Sexualwissenschaftler vor, dass Gesellschaften in vier weite Kategorien eingestuft werden können: sexuell negativ, sexuell indifferent, sexuell positiv und sexuell fördernd. [7] Beispiele für sexuell negative Gesellschaften können innerhalb der nilotischen [Saharastaaten;d.Ü.], hamitischen und semitischen Sprachgruppen gefunden werden. Hier finden wir eine allgemein verbietende und bestrafende Haltung gegenüber jeder sexuellen Äußerung außerhalb von strengen Normen. Innerhalb dieser Gruppen finden wir Beschneidung und die Verstümmelung weiblicher Genitalien. Dort gibt es auch eine strenge patriarchalische Komponente, die Jungfräulichkeit und weibliche eheliche Treue wertschätzt. Homosexualität und Masturbation werden streng verurteilt und Zeugung wird vor Vergnügen betont. Sexuell negative Kulturen glauben, dass Sex irgendwie von Natur aus schlecht ist und streng kontrolliert werden muss. Sexuell negative Kulturen unterdrücken auch das Wissen über sexuelle Inhalte und der Orgasmus bei Frauen kann entweder als schlecht oder als irrelevant betrachtet werden. Beispiele von sexuell positiven Kulturen werden in den polynesischen und einigen melanesischen Gruppen gefunden. In der polynesischen Kultur wird Sex sowohl als Vergnügen wie auch als ein heiliger Akt angesehen. Sexualität ist mit der Idee von Mana verbunden, einer kosmischen spirituellen Kraft. Polynesische religiöse Zeremonien schließen sexuelle Akte ein (Cook berichtet über eine von ihm erlebte Zeremonie, die die Kopulation eines zwölfjährigen Mädchens mit einem prominenten Krieger einbezog, und die ersten europäischen Seeleute berichteten, dass Frauen und Mädchen sich freiwillig darboten – sie taten das, weil sie dachten, dass die Europäer großes Mana brachten und mit ihnen Sex zu haben, gab ihnen Zugang zu diesem). Die Polynesier waren offen gegenüber sexuellen Themen und einige trainierten Kinder in der Kunst des Vergnügens. Ein polynesisches Kind wusste, was ein Orgasmus ist und es war frei, dem Vergnügen nachzugehen, bis es verheiratet war. Das Wort Tabu ist polynesisch, doch es bezieht sich auf diejenigen, mit denen man Sex haben kann. Die Polynesier hatten ein Kastensystem und bestimmte Menschen waren tabu für andere, ansonsten gab es eine permissive Haltung. Die Trobriand - Insulaner waren vielleicht noch permissiver. Kindern war es erlaubt, sich frei zu vergnügen und verheiratete Erwachsene hielten eine Anzahl von Affären aufrecht. Sexuell indifferente Gesellschaften spielen die Bedeutung von Sex herunter. Sexuell ermunternde Gesellschaften ermutigen aktiv sexuellen Ausdruck. Einige Stammesgruppen ermutigen die Masturbation unter den Heranwachsenden. Einige missbilligen offene Spiele an Genitalien bei Kindern nicht. Einige Kulturen glauben, dass das Reizen der Genitalien von Kindern hilft, sie zu beruhigen, und das kann entweder manuell oder oral sein. In einigen Gesellschaften haben Orgasmen, Ejakulate und Monatsblut medizinische und magische Eigenschaften. In chinesischen Gesellschaften soll Sex mit jungen Frauen/Mädchen den Verfall im Alter verhindern. In einigen traditionellen Medizinen soll das Masturbieren eines jungen Mannes in Anwesenheit einer kranken Person medizinische Wirkungen haben können. Anthropologen haben ebenfalls entdeckt, dass Gesellschaften eine große Verschiedenheit darin aufweisen, wie sie heiraten und ihre Gesellschaften ordnen. Matriarchalische Gesellschaften hatten weibliche Anführer, patriarchalische hatten männliche Anführer. Patrilineare Gesellschaften bestimmten die Erbfolge durch die männliche Reihe und matrilineare durch die weibliche Reihe. Eine Gesellschaft konnte patriarchalisch und doch matrilinear sein (die jüdische Gesellschaft). Sexuell negative Kulturen neigen dazu, sowohl patriarchalisch als auch patrilinear zu sein. Man legt eine große Bedeutung auf die Gewissheit, dass der Mann sicher sein kann, dass das Kind von ihm ist, daher muss weibliche Sexualität streng kontrolliert werden. In matrilinearen Gesellschaften gibt es keinen Zweifel darüber, wer die Mutter ist. Gesellschaften mögen auch Polygamie erlauben – mehrere Ehefrauen ist die häufigste Form, doch manche Gesellschaften erlauben mehrere Ehemänner. Wichtig zu erwähnen ist, dass Anthropologen erkannten, dass es keine universalen Normen oder Verhaltensweisen gibt. Es ist gesagt worden, dass der Inzest das einzige universale Verbot sei, doch sogar dieses Tabu wird in einigen Gesellschaften gebrochen [8]. In Japan wird der Mutter-Sohn-Inzest als ziemlich üblich anerkannt. In einigen indischen Subkulturen nehmen die Kinder bis zum Alter von etwa sechs Jahren an den sexuellen Aktivitäten der Eltern teil. Es gibt ein altes indisches Sprichwort: „ Wenn ein Mädchen mit zehn Jahren noch Jungfrau ist, muss sie weder Brüder, Cousins oder Vater gehabt haben.“

WAS IST NORMAL ?

Die Sexualwissenschaft ist kontrovers, weil sie die Idee der sexuellen Normalität hinterfragt. Gibt es so etwas wie normal ? Gibt es sexuelle Pathologie ?

Das ist keine einfache Frage. Es gibt eine Anzahl von Variablen. Eine Praxis, die in einer sexuell positiven Gesellschaft normal ist, kann in einer sexuell negativen Gesellschaft als pathologisch angesehen werden. Eine Praxis, die in einer Gesellschaft verboten ist, darf in einer anderen frei praktiziert werden. Hier müssen wir zugeben, dass der kulturelle Relativismus einige Gültigkeit hat. Es scheint kein universales Konzept von normaler Sexualität zu geben (obschon ich später darauf hinweisen werde, dass es eine integrale Sexualmoral gibt). Sexuelle Moral scheint willkürlich auferlegt worden zu sein, d.h. sie basiert nicht auf irgendeiner universalen Verhaltensweise. Vielmehr basiert sie auf einem Verhalten, das die Elite jeder möglichen Gesellschaft für wünschenswert erachtet.

Die Sexualwissenschaft hat den Terminus Paraphilia [9] geschaffen. Es stammt vom griechischen philos – was Liebe bedeutet, und para – was jenseits bedeutet. Eine Paraphilia ist jeder sexueller Wunsch, der über die durchschnittliche sexuelle Ausdrucksweise Erwachsener hinausgeht. Es gibt eine weite Spannweite von Paraphilia. Die bekannteste ist Pädophilie, das sexuelle Verlangen nach Kindern (ein Kind ist vorpubertär). Teliophilia ist das sexuelle Verlangen eines Kindes nach einem Erwachsenen; Zoophilia ist das sexuelle Verlangen nach Tieren; Necrophilia ist das sexuelle Verlangen nach Toten.

Paraphilia sollen verursacht werden, wenn die normale sexuelle Entwicklung auf irgendeine Weise frustriert und auf ein ‚äußeres' Objekt übertragen wurde. Dieses ‚äußere' Objekt wird dann zu einem Fetisch gestaltet. In den extremsten Fällen kann der Paraphile sexuelle Erleichterung nur durch das fetischwerte Objekt erlangen. Daher gibt es Grade von paraphilem Interesse und paraphiler Besessenheit. Im Klartext: wenn jemand auf einen einzigen sexuellen Fetisch fixiert ist, dann ist es eine Pathologie.

Der Begleiter von Paraphilia ist eine Phobie – eine Furcht vor einem Objekt oder einer Person. In extremen Fällen von Paraphilia gibt es auch eine begleitende Phobie. Ein bedeutender Faktor in paraphilen/phobischen Komplexen ist sexuelle Unterdrückung. Paraphilia sollten anscheinend in erster Linie eine Funktion von sexuell negativen und sexuell ambivalenten Gesellschaften sein. Dies ist jedoch jetzt schwierig zu beweisen. Jene sexuell positiven Kulturen, die wirklich existierten, sind seither unwiederbringlich durch Kolonialismus und missionarische Aktivität verändert worden. Heutzutage existiert keine reine sexuell positive Kultur. Christliche Moral hat die traditionellen polynesischen und melanesischen Verhaltensweisen ersetzt.

Es gibt jedoch einige faszinierende Berichte aus prä-kolonialistischen Zeiten. Malinowski beobachtete, dass Kinder auf den Trobriand - Inseln sich frei in sexuellen Spielen vergnügen durften, einschließlich Geschlechtsverkehr.[10] Er fragte die Erwachsenen, ob das dazu führte, dass die Kinder von Erwachsenen mit pädophilen Tendenzen ausgenutzt werden könnten. Die Erwachsenen reagierten verwundert und geschockt auf seine Frage. Sie hatten niemals von einer solchen Sache gehört und sie konnten sich nicht vorstellen, dass Erwachsene an Kindern interessiert sein könnten. Es sollte scheinen, dass es auf den Trobriand – Inseln keine Pädophilie gab. Malinowski beobachtete ebenso, dass es anscheinend keinen Nachweis für Freuds Ödipuskomplex gab; keinen Nachweis für inzestuöses Verlangen unter Eltern und Kindern. Malinowski ist bekannt für seinen Widerstand gegen Freud in diesem Punkt, und sie hatten eine kurze Korrespondenz über dieses Thema.

Welche sind die möglichen Dynamiken dahinter ? Es sieht so aus, als wäre in sexuell positiven Gesellschaften Sexualität in vollem Ausmaß erlaubt und sie ist deshalb auch frei, sich normal zu entwickeln. Frühe sexuelle Neugier wird befriedigt und deshalb verwandelt sie sich nicht in Paraphilia. Unterstützung für diese Idee wird in den neueren Fällen von Kindesmissbrauch in religiösen Gemeinschaften gefunden. Das ist nicht allein auf die katholische Kirche beschränkt, sondern schließt neue Fälle ein bei den Mormonen, Zeugen Jehovas, Sieben-Tage-Adventisten und sogar bei den Amischen. Diese Subkulturen befürworten eine sexuell negative Sexualmoral, die ein hohes Aufkommen von Pädophilie und anderen Paraphilia erklären mag.

Dies sagt uns, dass sexuelle Pathologie nicht von den sexuellen Praktiken einer jeden möglichen Gesellschaft geschieden werden kann.

EINE QUADRANTEN -- ANNÄHERUNG

Sexualität ist ein komplexes Thema. Wie ich weiter unten argumentieren werde, ist sie nicht eine einzelne Linie, sondern vielmehr ein Komplex von Linien. Es ist auch deutlich offensichtlich, dass Sexualität eine Quadranten-Angelegenheit ist. Da gibt es eine physische Komponente (oben rechts = OR). In diesem Sinn ist sexuelles Handeln eine Frage der Physiologie und des Könnens. Doch die psychologische Komponente ist ebenfalls wichtig (oben links = OL), und diese psychologische Komponente wird sowohl durch die kulturellen (unten rechts = UR) wie auch die verinnerlichten kulturellen Quadranten (unten links = UL) geformt.

In der Vergangenheit war unser OR – Verständnis durch starke UR – Tabus behindert beim Studium der Sexualität, und , wie ich erklären werde, geschieht das immer noch in einigen wichtigen Gebieten. Die Sexualwissenschaft hat versucht, den OR von den moralischen Verboten des UR zu befreien. Gesellschaften mit einer eher sexuell positiven Haltung haben ein kompliziertes UR – Verständnis der Sexualität entwickelt. Im Gegensatz dazu erkennt die europäische Gesellschaft, die sich unter dem Gewicht der christlichen Moral abmüht, kaum den weiblichen Orgasmus oder die Klitoris. Im Gegensatz dazu entwickelten China und Indien ein Verständnis der unterschiedlichen Typen von weiblichem und männlichem Orgasmus.

Der UR hat ebenso eine tiefgreifende Wirkung sowohl auf die UL und OL Quadranten gehabt. Moralische Einschränkungen sind als psychologische Komplexe verinnerlicht worden, wie oben erklärt wurde, es gibt jedoch einige aufkommende Beweise, dass der durch solche Komplexe verursachte Stress tatsächlich sowohl die OR Hirnentwicklung behindert als auch konsequenterweise die OL Entwicklung. Das neue Werk von Dr. Jack Shonkoff hat gezeigt, dass unter Stress freigesetzte Hormone möglicherweise toxisch für eine normale Hirnentwicklung sind. Eine der Hauptursachen von Stress ist die Frustration normaler sexueller Impulse.

Während Wilbers Quadrantensystem und sein erweiterter integraler methodologischer Pluralismus ein nützliches Werkzeug sind, ist es ebenso wichtig, sich daran zu erinnern, dass UL und UR eine untrennbare Hermeneutik bilden. Das soziale Innere eines Individuums wird durch externe soziale Faktoren geformt. Daher wird die innere Welt von Individuen in einer sexuell negativen Gesellschaft einigermaßen verschieden von den inneren Werten von Individuen in einer sexuell positiven Umgebung sein. Ich werde später erörtern, dass politisch-ökonomische Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

SKALEN VON SEXUELLEN TYPEN

Fast jedermann ist sich des Spektrums von Homosexualität und Heterosexualität bewusst. Die Disziplin der Sexualwissenschaft hat gezeigt, dass die meisten Menschen eine Mischung sind, es gibt wenige rein homosexuelle Typen und heterosexuelle Typen. Stattdessen scheint es Grade von Bisexualität zu geben.

Wir können ebenso vermuten, dass es andere Skalen von sexuellem Verhalten und Ausdrücken gibt.

  1. Introvertiert bis extrovertiert.
  2. Monogam bis polyamourös.
  3. Maskulin bis feminin (nach außen und innen).
  4. Asexuell/desinteressiert bis hochgradig sexuell.

Alle diese sind normale Skalen und werden sowohl von Individuen als auch von Kulturen ausgedrückt. Das bedeutet, dass Menschen einen weiten Rahmen von sexuellen Charakteren ausdrücken können: den extrovertierten, polyamourösen Heterosexuellen; den introvertierten desinteressierten Homosexuellen; den wollüstigen bisexuellen Swinger; die maskulinen und femininen Lesbierinnen; die dem anderen Geschlecht Entsprechenden und die Transsexuellen; der äußerlich maskuline Mann mit einer femininen Sexualität; der monogame, teilweise desinteressierte, teilweise introvertierte Heterosexuelle. Die Kombinationen sind endlos. Sie sind auch dem Wechsel unterworfen. Man kann damit beginnen, introvertiert und heterosexuell zu sein und dann extrovertiert und bisexuell werden. Man kann ebenso durch mehrere Umwandlungen in seinem Leben gehen.

Kulturen tolerieren unterschiedliche Ausdrucksweisen dieser Skalen. Die Griechen tolerierten das homosexuell-heterosexuelle Spektrum. Die Römer waren weniger offen tolerant gegenüber Homosexualität, doch sie tolerierten eine aktive Sexualität. Einige Kulturen erlaubten Polygamie verschiedenen Typs. Die jüdisch-christliche Kultur favorisiert eine heterosexuelle, monogame, desinteressierte und introvertierte Sexualität.

Es gibt auch wichtige Unterschiede innerhalb geschichteter Gesellschaften. Was den Oberklassen und Eliten erlaubt ist, kann den unteren Klassen nicht erlaubt sein. Die wohlhabenden Eliten der meisten Gesellschaften hatten Zugang zu einer größeren Reichweite sexuellen Ausdrucks als die Massen. Trotz ihres guten Rufes hatte Königin Victoria eine ausgedehnte Sammlung von Nackten, sowohl als Gemälde wie auch als Skulpturen. Katharina die Große von Russland hatte Privaträume, angefüllt mit Auftragswerken aus Erotik und Pornografie. Es war eine übliche Praxis für den Adel, Geliebte, Konkubinen und Liebhaber zu haben. Die Sultane des osmanischen Reiches hatten einen Harem mit Hunderten von Konkubinen. Diese Gesellschaften schufen auch Moralsysteme, die von den unteren Klassen Zurückhaltung verlangten, daher gibt es einen klaren politisch-ökonomischen Aspekt bei der Sexualmoral. Jede integrale Theorie der Sexualwissenschaft muss diesen Aspekt akzeptieren.

ENTWICKLUNGSASPEKTE DER SEXUALITÄT

Es macht Sinn, wenn Sexualität sich in ähnlicher Weise entwickelt wie das Erkenntnisvermögen, die Werte, die Moralvorstellungen usw. Ist jedoch Sexualität eine getrennte Linie oder wird sie durch die anderen Linien der Entwicklung beeinflusst; kognitiv, affektiv, die Werte und Moralvorstellungen ? Können wir von sexuellen Moralvorstellungen sprechen ? Was bedeutet eine sexuelle Moralvorstellung ?

Nach meiner Meinung ist der sexuelle Akt an sich eine ziemlich simple mechanische (OR) Aktivität. Sie erfordert Sachkenntnis, doch diese Sachkenntnis kann erlernt werden. In diesem Sinne ist sie wie jede andere Fähigkeit, und eine Fähigkeit ist keine getrennte Entwicklungslinie. Es gibt so viele Fähigkeitslinien wie es Fähigkeiten gibt – Tennis ist eine Fähigkeit, ein Instrument zu spielen, ein Spiel zu spielen, einen Prozess zu bewältigen. Mir ist klar, dass ich mit diesen Worten eine andere Dose von theoretischen Würmern öffne, aber ganz besonders kann jemand mit einem niedrigen kognitiven Level auf gewissen Gebieten hochgradig geschickt sein, obschon ein hohes kognitives Level sicherlich das Können bereichert. Wenn es überhaupt einen Entwicklungsaspekt für die Sexualität gibt, dann liegt er in einem komplexen Aushandeln der UL, OL und UR – Domänen. Einen hohen Level von kognitiver, affektiver und moralischer Entwicklung zu haben, wird einem Individuum helfen, die komplexen Forderungen eines jeden Quadranten abzuwickeln.

Es folgt ebenso, dass Kohlbergs Moralstufen auf das sexuelle Moralempfinden angewandt werden können, deshalb können wir von präkonventionellem, konventionellem und postkonventionellem Moralempfinden sprechen.

Ein solches sexuelles Moralempfinden ist notwendigerweise befangen durch den dominierenden sexuellen Moralkodex der Gesellschaft, in der das Individuum sich befindet. Daher wirft es Probleme auf, wenn man postkonventionell in einer sexuell negativen Gesellschaft oder Subkultur ist, die nicht entstehen, wenn man postkonventionell in einer sexuell positiven Gesellschaft oder Subkultur ist.

Ich möchte auch eine besondere Anmerkung zu Wilbers Spektrum der Geschlechtsidentifikation machen. Das ist ein Thema, das ich auch in meinem Temenos-System untersucht habe. Hier geht das Individuum durch eine Reihe von Antworten auf das Geschlecht, durch externale Identifikation und Rollenspiel zu der inneren Vereinigung mit männlichen und weiblichen Archetypen, zu dem was Jung das mysterium coniunctionis [ein Ausdruck aus der Alchemie; das Geheimnis der Einswerdung oder die Heilige Hochzeit; d.Üb.] genannt hat. Wilber hat nie seine Theorie der Geschlechteridentität völlig erklärt, doch ich glaube, dass sie einen hochwichtigen Schlüssel für eine integrale Sexualität beisteuert. Ich werde das in einem getrennten Abschnitt diskutieren.

Ich glaube tatsächlich, dass einer der wichtigsten Entwicklungsfaktoren der vorherrschende sexuelle Moralkodex jeder möglichen Gesellschaft ist. In früheren Artikeln habe ich ein politökonomisches Entwicklungsspektrum ausgeführt (Gedanken für eine integrale politische Ökonomie). Es scheint mir, dass Sex in allen Gesellschaften einen hohen Wert hat und dass eine Kontrolle von Sex einer Gesellschaft erlaubt, das Verlangen zu kontrollieren und es in Mehrwert umzuwandeln. Ich habe früher Mehrwert (surplus) als ein Übermaß von allem Werthaften definiert und was wertgeschätzt wird, ist durch den Entwicklungsstand einer möglichen Gesellschaft definiert. Dies deutet auf eine Hierarchie der Sexualität als eine Hierarchie von Sex hin, umgewandelt zum Mehrwert.

  1. Die Stufe von unbeschränkter und instinktiver vielgestaltiger Sexualität. Dies ist mit frühen Familiengruppen assoziert. Es gibt keine klaren Abmachungen und es gibt eine weite Variation beim Sexualverhalten, einschließlich Bisexualität, Inzest, Kind-Erwachsener-Ausdruck, Zoophilie, Masturbation usw. Sexuelle Aktivität ist nicht-einverständlich (oder vor-einverständlich) und schließt Vergewaltigung ein. Die Primaten-Anthropologie bestätigt das und vermerkt ebenso das Muster des dominanten Mannes, der sexuelle Bevorzugung genießt. Wir werden sehen, dass der Mehrwert des dominanten Mannes oder der Elite ebenfalls ein angebotener/benutzter Artikel ist.
  2. Sowie sich eine Gesellschaft in eine größere Stammesgemeinschaft entwickelt, werden unterschiedliche sexuelle Regeln und Tabus beobachtet. Auf dieser Stufe gibt es noch eine beträchtliche Variation zwischen Stammesgruppen, sexuelle Regeln innerhalb der Gruppe können jedoch ziemlich streng sein. Diese Regeln werden auferlegt, um magische Überzeugungen zu verstärken, zum Beispiel hatten semitische Gesellschaften einen magischen Glauben an das Vergießen von Samen, wohingegen andere Gesellschaften glaubten, dass Samen heilende Eigenschaften habe und vergossen werden kann. Auf dieser Stufe ist der Zugang zu sexuellen Partnern ebenfalls unfrei gemäß der besonderen Natur der Gesellschaft. Auf dieser Stufe gibt es wiederum zahlreiche Variationen; patrilinear, matrilinear, polygam usw. In Macho-Gesellschaften kann der Macho bestimmte Frauen (oder Männer) für sich beanspruchen oder den Zugang zu Frauen (oder Männern) als Teil seiner Macht zugestehen.
  3. In frühen Staatsgesellschaften wird die Sexualität noch weiter beschränkt durch die geschichtete Natur der Gesellschaft. Die höchsten Klassen streben danach, den sexuellen Ausdruck der niederen Klassen zu kontrollieren. Dies dient verschiedenen Machtfunktionen. Zuerst hilft es, die Population zu kontrollieren, doch zweitens und am wichtigsten, verkehrt es das Verlangen in einen Mangelzustand. Wenn Verlangen unbefriedigt ist, kann es in Verlangen nach anderen Dingen umgewandelt werden ( es ist kein Geheimnis, weshalb Sex in der Werbung benützt wird – würde das wirken, wenn die Menschen sich befriedigt fühlten oder ihr Verlangen auf andere Weisen befriedigen könnten ?). Der Mangelzustand kann manipuliert werden, um die niederen Klassen zu kontrollieren – der einzige Zugang zu sexueller Befriedigung geht durch die richtigen Kanäle. Eine staatlich sanktionierte Religion ist ein Instrument der moralischen Kontrolle. Die jüdisch-christliche Ethik setzt eine besondere Betonung auf heterosexuelle, monogame Lebenspartnerschaften, die durch eine religiöse Heiratszeremonie sanktioniert werden. Der Staat weigerte sich, eine andere Form der Beziehung anzuerkennen. Durch die Kontrolle von Sex war die Kirche in der Lage, das Denken zu kontrollieren.
  4. In späten Staatsgesellschaften gibt es eine Rebellion gegen die geschichtete Gesellschaft. Das Aufkommen einer wohlhabenden Mittelschicht bekämpft die traditionellen Machtstrukturen. Während dieser Phase erscheint der Individualismus und verschiedene Ideologien, die die traditionelle Autorität bekämpfen, einschließlich der traditionellen moralischen Autorität, tauchen ebenso auf. Auf dieser Stufe beginnen Individuen damit, die sexuellen Normen ihrer Gesellschaft zu hinterfragen, und sexuelle Subkulturen setzen sich durch. Individuen befreien sich von konventionellen moralischen Beschränkungen, und sexuelles Experimentieren wird zunehmend toleriert.

Die Periode von individualistischem sexuellen Ausdruck entdeckt natürliche Einschränkungen. Eine dieser Einschränkungen ist die Begrenzung der Objektifikation. Einfach ausgedrückt: das Individuum entdeckt, dass andere es nicht wollen, zu Objekten gemacht zu werden und das führt die Beschränkung der Intersubjektivität ein. Mit anderen Worten: sexueller Ausdruck muss mit dem Gegenüber verhandelt werden. Das ergibt eine entsprechende Explosion von vielgestaltigen ‚Zustimmungs'-Gruppen, die eine breite Variation von Sexualitäten untersuchen, einschließlich exstatische und mystische Traditionen.

An diesem Punkt nun werden Sie wohl von mir erwarten, dass ich ein transpersonales Element einführe, doch das ist nun mal nicht so einfach. Der Umfang der spirituellen Entwicklung ist eine parallele Linie, die nun einen sexuellen Ausdruck bewirken mag oder auch nicht – ich werde das später erläutern. An diesem Punkt möchte ich vorschlagen, dass präkonventionelle Sexualmoral mit den Ebenen 1 und 2 befasst ist, die konventionelle mit der Spannung zwischen 3 und 4, und die postkonventionelle mit 4 und 5.

Noch einmal: der Ausdruck postkonventioneller Moral wird durch die Ebene einer möglichen Gesellschaft eingeschränkt. Gesellschaften auf der Ebene 3 auferlegen oft eine Reihe von extremen Gesetzen, die gewisse sexuelle Audrucksweisen bestrafen. In einigen Gesellschaften sind Homosexuelle mit dem Tode und außerehelicher Sex auf unterschiedliche Weisen bestraft worden. In sexuell negativen Gesellschaften wird jede ‚deviante' sexuelle Praxis verurteilt und bestraft. Daher wird jede postkonventionelle Sexualmoral ernstlich eingeschränkt. Die moderne westliche Gesellschaft macht eine Anzahl von Konfliktszenarien durch. Die konventionelle Sexualmoral auf der Ebene 3 mit der individualistischen Ethik auf Ebene 4 und die postkonventionelle Ethik auf Ebene 5 mit beiden Ebenen 3 und 4. Diese Konflikte erschaffen einen heftigen politischen Kampf, den ich ebenfalls später erörtern werde.

Psycho - sexuelle dynamiken

Es ist deutlich, dass das sexuelle Verlangen eine starke Komponente unserer Psyche ist. Es gibt zwei weite Gedankensysteme darüber. Eines ist die westliche psychodynamische Sicht und die andere ist die östliche psycho-spirituelle Sicht.

Der Vater der westlichen Sicht ist Sigmund Freud. Ich werde das meiste seiner Theorie überspringen (aus Platzmangel und weil ich mich nicht durch das enorme Ausmaß an Material durcharbeiten möchte, das die Freudianer produziert haben). Er beobachtete, dass viele der von Menschen entwickelten psychologischen Komplexe von sexuellen Problemen stammten. Wir haben bereits den Ödipuskomplex erwähnt, doch er entwickelte ebenso die Theorie, dass der vaginale Orgasmus dem klitoralen Orgasmus überlegen sei, dass reife Sexualität genital ist, und dass die Gesellschaft die Kontrolle des sexuellen Impulses verlangte, der in seiner primitiven Form anarchisch und vielgestaltig ist.

Freud wird viel kritisiert. Wir haben bereits Malinowskis Kritik am Ödipuskomplex erwähnt, doch neuere Kritiken haben sich auf seine zugrundeliegenden Voraussetzungen konzentriert. Feministen haben sein Vorurteil gegen den klitoralen Orgasmus kritisiert, und andere haben auf seine unkritische Übernahme von sexuellen Normen hingewiesen. Ich möchte hinzufügen, dass viele der von Freud entdeckten psycho-sexuellen Probleme vielleicht ein Problem eines vereitelten sexuellen Verlangens in einer sexuell negativen Gesellschaft waren. Einige Autoren sind sogar noch direkter gewesen, indem sie sagten, dass Freud einfach die sexuelle Unterdrückung der Wiener Gesellschaft im 19. Jahrhundert widerspiegelt. Wilhelm Reich studierte bei Freud und stimmte schließlich mit seinem Mentor hinsichtlich der Sexualität nicht überein. Wo Freud die konventionelle Moral zu unterstützen schien, empfahl Reich, dass sie durch eine sexuell positive Kultur ersetzt werden sollte. Reich trug die Theorie des Körperpanzers bei – die Idee, dass sexuelle Spannung im Körper gehalten wird, physisch und emotional. Er argumentierte, dass diese Spannungen durch einen vollen Körperorgasmus gelöst werden können. Seine Ideen haben daraufhin angefangen, eine Reihe von Körpertherapien zu beeinflussen.

Reich hat auch argumentiert, dass politische Macht, besonders der Faschismus, auf sexueller Unterdrückung beruhen. Das führte zu einer Explosion von Ideen über psychologische Unterdrückung als ein Werkzeug der Macht. Die europäische Philosophie hat diese Idee auf viele Fronten ausgeweitet – Lacan, Foucault, Deleuze und Guattari. Eine integrale Sexualwissenschaft muss diese Theoretiker anerkennen.

Stanislav Grof hat mit seiner Theorie der grundlegenden perinatalen Matrizen einige interessante theoretische Beiträge zu den potenziellen Ursachen von Pathologie gebracht. Wilber hat Grof wegen Begehens des Prä/trans-Irrtums kritisiert, doch das bezieht sich auf die Vermengung des pränatalen Grundes mit dem universalen GRUND. Dieser Widerspruch setzt Grofs gesamte Theorie nicht herab, besonders wo sie sich mit der Bildung von Paraphilia befasst.

Jung sagte überraschenderweise nichts über sexuelle Angelegenheiten, doch wir können sehen, dass das sexuelle Verlangen von Archetypen beeinflusst wird. Jung erkannte an, dass die energetischen Eigenschaften der Archetypen in sexuellen Bildern und Energien ausgedrückt werden können. Archetypen können in einer stark erotisierten Form erscheinen. Die östliche Sicht ist in yogischen und tantrischen psycho-spirituellen Theorien ausgedrückt worden. Diese geben Reichs Theorien einige Unterstützung, doch sie sind bei weitem ausgefallener.

Die Yogatheorie bemerkt, dass Energie, Prana, durch ein komplexes Kanalsystem im Körper (Nadi) fließt. Blockierungen im Pranafluss verursachen eine Reihe von Symptomen. Die Yogatheorie bemerkt ebenso, dass die Menschen aus fünf Verschalungen (Kosha) aufgebaut sind: der Anamayakosha – physischer Körper; der Pranamayakosha – Empfindungskörper; der Manomayakosha – Geistkörper; der Vijnanamayakosha – der höhere Geistkörper; der Anandamayakosha – der Seligkeitskörper. Prana fließt durch alle diese Körper und jeder Körper beeinflusst die anderen. Blockierungen im Pranafluss werden Samskaras genannt – Eindrücke oder Knoten. Sexuelle Energie ist eine Form von Prana, und sexuelle Samskaras können den Pranafluss im allgemeinen blockieren. Daher setzt die Yogapsychologie eine beträchtliche Bedeutung auf ein angemessenes Sexualverhalten als einen notwendigen Teil einer spirituellen Praxis. Wie ich später erörtern werde, gibt es jedoch Uneinigkeit zwischen verschiedenen Yogaarten.

Das taoistische System teilt einige Gemeinsamkeiten mit den yogischen psycho-spirituellen Theorien, obschon es Differenzen in der Anatomie der verschiedenen Körper gibt. Es ist nicht notwendig, dies hier weiter zu vertiefen, jeder Interessierte kann eine weite Ansammlung von Literatur zu diesem Thema finden. Ein Gebiet, in dem der Taoismus sich von vielen Yogasystemen unterscheidet, ist in seiner Haltung gegenüber der Sexualität. Yoga und Taoismus betonen beide die Zurückhaltung von Samen, der Taoismus argumentiert jedoch, dass Sexualverkehr ein wichtiger Weg ist, den richtigen Fluss von Qi zu bewerkstelligen. Die chinesische Sexualmoral unterscheidet sich auf viele Weisen von der indischen Sexualmoral. Wir kehren wieder zu der Grundtatsache zurück, dass es keine universelle Sexualmoral zu geben scheint.

Es gibt interessante Gemeinsamkeiten zwischen den indischen und chinesischen Systemen und Reichs Theorien. Es gibt eine Reihe von modernen Therapien und Theorien, die Aspekte aller dieser Theorien kombinieren. Was wir mit einiger Gewissheit sagen können, ist dass der gesunde Ausdruck des Sexualtriebs wesentlich ist für das psychologische und spirituelle Wohlbefinden. Aber was normal ist, darüber sind wir uns nicht im Klaren. Sexuelles Trauma ist komplex und muss verstanden werden, indem man alle vier Quadranten benützt. Einiges an sexuellem Trauma kann durch einen Konflikt zwischen dem persönlichen Verlangen (OL), den internalisierten Normen (UL) und den Gruppennormen (UR) verursacht werden, eher als in dem sexuellen Akt (OR) selbst. Paraphilia, Phobien und Samskaras können entstehen, weil das Subjekt keine Mittel zur Lösung des Dilemmas hat. In sexuell negativen Gesellschaften gibt es einen Mangel an angemessener Sprache, in der man erotisches Verlangen diskutieren kann, ebenso gibt es ein allgemeines Verbot, überhaupt über Sex zu diskutieren. Unterdrückung ist normativ. Als Alfred Kinsey zuerst begann, junge Eheleute zu beraten, war er entsetzt über seine Entdeckung, wie sehr unwissend sie waren. Sie hatten keine Wörter, um über das zu diskutieren, was sie erlebten. Ist es da verwunderlich, wenn sich sexuelle Samskaras entwickeln ?

Sex und religion

In Sex, Ecology, Spirituality gebraucht Wilber die Termini Aufsteigender und Absteigender. Ich verstehe, dass sich Wilber von dieser Art simpler Polarität in eine komplexere Sicht als Teil seines integralen methodologischen Pluralismus bewegt hat. Diese simple Dualität beeinflusst jedoch immer noch die Weise, wie Menschen über das Problem von Religion und Sexualität denken. Ich meine, es ist in Ordnung, diese Polarität im Sinn zu behalten, doch nur im Hintergrund des Denkens. Die Realität ist bei weitem komplexer. Um ein Beispiel zu geben: die Leute sprechen oft von einer apollonischen und dionysischen Polarität. Die Griechen würden das allerdings amüsant finden. Man kann Apollo nicht verstehen, ohne seine Zwillingsschwester Artemis zu verstehen. Sie drücken beide eine Dualität und eine Ergänzung aus. Apollo wurde auch nicht von der natürlichen Welt entfernt. Artemis hatte hundert Nymphen als ihre Gefährtinnen, aber Apollo ist ebenso bekannt als Apollo Nymphegetes, die herrschende Gottheit der Nymphen. Daher war er anstatt ein entfernter, irgendwie abstrakter Gott zu sein, der an den Künsten und der Philosophie interessiert war, ebenfalls mit der Erde verbunden. Ja, er war der Gott des Weines und des sexuellen Exzesses, aber er war auch der Gott der hohen spirituellen Ekstase. Wo entsteht also die Polarität ? Ich kann nur eine vorsichtige Vermutung anstellen, doch sie scheint entstanden zu sein als ein Ergebnis des Übergangs von einer Agrargesellschaft, die die Mutter Erde anbetete, zu einer Gesellschaft, die auf einem Kriegerkodex gründete und dem Gebrauch der Eroberung, um Mehrwert (Überfluss) zu schaffen. Eine reiche Agrargesellschaft kann es sich erlauben, in sinnlichen Vergnügungen zu schwelgen, doch eine Gesellschaft, die unter der ständigen Bedrohung einer Invasion von rivalisierenden Gruppen um ihr Überleben kämpft, muss eine militärische Disziplin haben. Matriarchale und matrilineare Gesellschaften blühen auf in reichen Gesellschaften und patriarchale und patrilineare Systeme überleben besser in Zeiten des gewaltsamen Konflikts, wenn maskuline Stärke sehr wertgeschätzt wird. Griechische Gesellschaften geben ein interessantes Beispiel davon, wie diese beiden Kräfte sich auf interessante Weise verbanden. Es gibt das Beispiel eines Stammes von Frauenkriegern, Amazonen genannt. Ob dies ein Mythos oder Realität ist, ist irrelevant (die meisten Historiker stimmen jedoch überein, dass an den Geschichten einiges an Wahrheit ist). Die spartanische Gesellschaft ist für ihre strenge kriegerische Disziplin bekannt, doch weniger bekannt ist, dass die spartanischen Frauen eine fast separate Kultur schufen. Spartanische Frauen waren gebildet und einige sind bekannte Dichterinnen geworden ( Cleittagora und Megalostrata ) und Philosophinnen ( Chilonis, Cleanor und Cratesiclea ) und es gibt ebenso die Vermutung, dass prominente spartanische Frauen sich Mädchen als Geliebte nahmen, so wie sich Athener Männer Jungen als Geliebte nahmen, während sie als deren Mentoren handelten. Mädchen nahmen nackt an Sportkämpfen teil, und spartanische Könige gewannen Autorität durch matrilineare Abstammung. Die berühmte Helena war sehr hoch ausgezeichnet, weil sie der Schlüssel zum spartanischen Thron war.

Auf der Insel Lesbos wurde die weibliche Homosexualität anerkannt, und die Dichterin Sappho ist gut bekannt für ihre Untersuchung der lesbischen Liebe. Trotz dieser Variationen erhielten die Griechen dennoch eine disziplinierte militärische Kultur aufrecht und ein erfolgreiches Reich.

Die Idee, dass Sex schlecht und physisch, geistig, moralisch und spirituell schwächend sei, scheint in männlichen Kriegerkulturen entstanden zu sein. Es sollte scheinen, dass der wahre Grund die Wirkung ist, die offene Sexualität auf Männerbünde und militärische Disziplin hat, besonders wenn es Männern gestattet ist, unterschiedliche Sexualität zu erforschen. Da mag ebenso eine Verbindung zwischen sexueller Erleichterung und Aggression sein, besonders die Idee, dass sexueller Genuss die Aggression beruhigt. Diese Idee fand ihren Weg zum Sporttraining, wo sexuelle Aktivität vor einem Wettkampf die Vitalität des Athleten auszehren soll. Dies ist inzwischen widerlegt worden.

Da gibt es mehrere Arten, wie männliche Gesellschaften damit umgegangen sind. In Sparta wurden Jungen in frühem Alter von der Gesellschaft mit Frauen getrennt. Ihre sexuellen Begierden wurden in eine militärische homosexuelle Kultur umgewandelt. Wenn ein Spartaner heiratete, lebte er nicht mit seiner Frau zusammen. Stattdessen pflegte er sich in das eheliche Heim in der Nacht einzuschleichen und dann in die Männerkasernen zurückzukehren. Vieles der spartanischen Gesellschaft zielte auf die Schaffung von starken Männern und Frauen – starke Frauen sollten angeblich starke Krieger gebären. Heterosexueller Verkehr zielte auf die Fortpflanzung, und homosexuelle Praktiken waren für die Erleichterung und das Vergnügen vorgesehen. In der athenischen Gesellschaft wurden verheiratete Frauen zu Hause gehalten und sollten Kinder produzieren. Männer suchten ihr Vergnügen durch homosexuelle Verbindungen oder Prostituierte. Einige Frauen waren in der Lage, sich Liebhaber zu nehmen.

Während sie eine Kriegertradition hatten, begegneten die polynesischen Gesellschaften nicht dem gleichen Grad an Bedrohung durch Invasion. Konflikte geschahen, doch nicht in dem gleichen Ausmaß, das andere Gesellschaften erfuhren. In diesen Kulturen wurde sexuelles Vergnügen nicht als eine schwächende Kraft angesehen. Statdessen wurde es als eine positive Kraft angesehen.

Wenn wir uns jetzt zu so etwas wie einer schwungvollen Generalisierung bewegen könnten. Jene Religionen, die aus einer patriarchalen Kriegerkultur entstanden, entwickelten ein negatives Glaubenssystem, darauf bedacht, männliche Stärke und Macht zu bewahren, ebenso wie die patrilineare Abstammung. Die Kontrolle von Sex war entscheidend für die Absicherung des männlichen Zusammenhaltes. Jene Religionen, die aus einer matrilinearen und nicht kriegerischen Kultur entstanden, entwickelten sexuell positive Glaubenssysteme, die die spirituelle Bedeutung der Fruchtbarkeit und die kreative Natur der Sexualität betonten.

Es ist nicht so sehr die Frage von Aufstieg und Abstieg, sondern eine Frage von matriarchaler Macht in Gesellschaften, die auf friedlichen und reichen Handelsbeziehungen basierten, oder von patriarchaler Macht, basierend auf Unterwerfung unter Bedingungen des Wettkampfes und des Mangels. Die matriarchale Weltsicht sah Spiritualität als ein ekstatisches Geschenk und als Teil des Reichtums der Götter an, am häufigsten einer Gestalt der Erdmutter. Die patriarchale Weltsicht sah Spiritualität in Ausdrücken eines größeren Krieges gegen Gut und Böse. Sie schufen klösterliche Orden, die militärischen Kasernen ähnelten.

Die griechische Gesellschaft war komplex, und man findet Ausdrucksweisen in beiden Modi. Einige Griechen ließen sexuelles Genießen zu, doch andere warnten vor sexuellem Exzess. Diese Polarität wurde weiterhin in allen Religionen entwickelt. Die extremsten sexuell negativen Haltungen können bei den frühen Christen gefunden werden. Sie entwickelten durch eine wörtliche Interpretation des zusammengestellten Mythos vom Garten Eden die Idee, dass eine sexuelle Sünde den Fall des Menschen verursachte. Dies wurde mit den asketischen Praktiken von Jesus und den Lehren von Paulus verbunden, der argumentierte, dass es allemale besser sei, nicht zu heiraten, es doch besser sei zu heiraten, als sich sexueller Zügellosigkeit zu überlassen.

Elemente dieser asketischen Abneigung des Sex können im Buddhismus gefunden werden, besonders in seiner Haltung gegenüber weiblicher Erleuchtung. Der extremste Ausdruck ist der Glaube bei manchen Theravadins, dass sogar das Berühren einer Frau schlechtes Karma sei.

Die gegenteilige Sicht wird in den tantrischen und taoistischen Traditionen (und gnostischen) gefunden. Diese Traditionen umarmen das Feminine und beide schließen sexuelle Intimität ein als Teil ihrer spirituellen Praxis. Beide entwickelten ein hoch verfeinertes Verständnis und eine Sprache für die erotischen Künste, beide produzierten detaillierte Handbücher über sexuelle Techniken und psycho-sexuelle Dynamiken und beide erkannten die Fähigkeit von Frauen an, Erleuchtung zu erlangen.

Einige Fragen sind jedoch noch nicht gelöst. Wir kennen nicht gänzlich die Wirkung, die Sexualität auf die spirituelle Praxis ausübt. Wir wissen nicht, ob die Praxis der Samenzurückhaltung notwendig ist (die moderne Medizin argumentiert, dass regelmäßige Ejakulation Prostatakrebs verhindern hilft, heißt das, dass Zölibatäre eine höhere Anfälligkeit haben?). Ist Homosexualität ein Problem ? Verursacht Analsex Probleme ? Es scheint nun, dass wieder keine Normen existieren. Einige Yogasysteme argumentieren gegen Homosexualität, doch sie war eine anerkannte Praxis sowohl in China als auch in Griechenland.

Sex und spirituelle entwicklung

Ich werde jetzt den vorläufigen Anspruch erheben, dass Sex tatsächlich nebensächlich für die spirituelle Entwicklung ist. Oder vielmehr: er mag oder mag nicht wichtig sein. Es hängt davon ab, ob oder ob das Individuum nicht sexuelle Samskaras oder psycho-sexuelle Blockierungen entwickelt hat.

In allen Meditations- oder Kontemplations-Traditionen wird alle unwesentliche Aktivität kontrolliert, um damit Ablenkung zu verhindern. Alle Aktivität ist auf das Ziel der spirituellen Realisierung versammelt. Es ist eine Disziplin wie jede andere. Ernsthafte Schüler halten sich von allen Ablenkungen fern, einschließlich Essensablenkungen, Unterhaltungsablenkungen, Beziehungsablenkungen und sexuellen Ablenkungen. Es ist schwierig, die subtileren mentalen Zustände wahrzunehmen, wenn man daran denkt, Schokolade zu essen, einen Film zu sehen, sich über eine Beziehung Gedanken macht oder sich einer sexuellen Fantasie hingibt. Es geht nur um Konzentration und Disziplin.

Viele spirituelle Disziplinen erkennen ebenso an, dass Ablehnung genauso ablenkend ist wie Verlangen. Zu versuchen, nicht an Schokolade, einen Geliebten oder an Sex zu denken, kann nämlich genauso ablenkend sein wie an Schokolade, einen Geliebten oder Sex zu denken.

Dieser Prozess der mentalen Disziplin wird weiterhin gefährdet durch die Tatsache, dass der psycho-spirituelle Prozess in östlichen Disziplinen das Entblockieren von Samskaras beinhaltet. Dieser Prozess kann das Wiedererleben von physischen, emotionalen, mentalen und seligen Gefühlen einschließen, die mit den Samskaras verbunden sind. Daher kann der Schüler auf eine Achterbahnfahrt von Wahrnehmungen, Gefühlen, Gedanken und subtilen Erfahrungen gehen. Wenn diese Samskaras von sexueller Natur sind, dann wird der Schüler sexuelle Energien wiedererleben und wiedererfahren, einige von denen können erweiternd und sogar überwältigend sein. Daher sollte jede authentische (wenn man Wilbers Definition von authentisch und legitim benützt) spirituelle Tradition ein verfeinertes Verständnis dieses Prozesses haben und in der Lage sein, dem Schüler diesen zu erklären, besonders sie zu ermutigen und sie daran zu erinnern, weder nach den Erfahrungen zu verlangen noch diese abzulehnen.

Dies ist jedoch nicht immer der Fall. Jene spirituellen Disziplinen, die in sexuell negativen Gesellschaften entstanden, haben eine bedauernswerte Geschichte der Schaffung von Abneigung gegenüber nicht-normativen sexuellen Erfahrungen. Abneigung schafft entsprechende negative Schuldgefühle, Scham, Zorn, Hass und so weiter. Ablehnung kann ebenso zur Schaffung von zusätzlichen Samskaras führen und von nachfolgenden Paraphilia und Phobien. In solchen Traditionen werden authentische spirituelle Erfahrungen oft zusammengeworfen mit intensiven psycho-sexuellen Komplexen, wo sexuelle Energie auf eine religiöse Idee, Person oder ein solches Objekt übertragen wird. Aldous Huxley hat dieses Thema in seinem Buch ‚Die Teufel von Loudon' untersucht. Ein typischer Fall mag eine zölibatäre Nonne sein, die eine psycho-sexuelle Fixierung auf die Person von Jesus entwickelt und ihre so genannten ekstatischen Erfahrungen sind einfach nur sublimierte Orgasmen.

Jene spirituellen Disziplinen, die in eher sexuell positiven Gesellschaften entstanden, sind besser daran, das Abneigungsproblem zu artikulieren. Das bringt uns zum Thema des Tantrismus und dem Gebiet der sexuellen Bräuche in spirituellen Disziplinen.

Die indische Gesellschaft ist komplex. Sie hat gewisse Allgemeinheiten, die es uns erlauben, eine religiöse Kategorie des Hinduismus zu schaffen, der Hinduismus ist jedoch keine einzelne Religion. Er ist einfach ein überdeckender Ausdruck für eine weite Verschiedenheit von unterschiedlichen religiösen Traditionen. Diese Traditionen konnten aufblühen,weil Indien nie eine homogene politische Wesenheit war, wenigstens nicht vor der Unabhängigkeit 1948. Die verschiedenen Herrscher patronisierten verschiedene Sekten und gestatteten ihnen, sich zu entwickeln und zu gedeihen. Einige dieser Traditionen sind sexuell konservativ und basierten auf einem Kriegerkodex, so wie der orthodoxe Brahmanismus und einige Formen von Vaishnavismus. Die Bhagavad Gita ist ein Kapitel in einem Buch, dem Mahabharata, das die Geschichte einer epischen Schlacht zwischen den Kräften von Dharma (gut) und Adharma (böse) ist. Krishna gibt Arjuna eine sehr militaristische Form von einem spirituellen Rat, gerade bevor er in die entscheidende Schlacht ziehen soll. Indien hat jedoch ebenso eine matriarchale, nicht auf Kriegern basierende spirituelle Tradition entwickelt, die in einigen (aber nicht in allen) der Shaiva- und Shakta-Gruppen ihren Ausdruck findet. Tantra ist eine unorthodoxe Tradition, die in den antiken agrikulturellen und matriarchalisch schamanistischen Traditionen ihre Wurzeln hat. Tantra hat im folgenden das religiöse Denken von Hindus, Buddhisten und Jainisten beeinflusst.

Es gibt ein bedauerliches Missverständnis im Westen, darüber, was Tantrismus eigentlich ist. Er ist oft auf einen exotischen Satz von sexuellen Techniken reduziert worden. Tantrismus ist in zwei Pfade unterteilt, oft der linke und der rechte Pfad genannt. Der linke Pfad schließt eine Verschiedenheit von yogischen Techniken ein, die darauf abzielen, die moralischen Beschränkungen des orthoddoxen Brahmanismus zu untergraben. Er ist eine absichtliche Überschreitung mit dem Ziel, die Abneigung zu zerstören. Deshalb meditieren einige tantrische Yogis neben Bestattungsscheiterhaufen und trinken aus einem menschlichen Schädel, um die Abneigung gegenüber dem Tod zu überwinden. Linke tantrische Yogis mögen auch sexuelle Akte benützen, um einerseits den psycho-spirituellen Prozess positiv zu beeinflussen und andererseits die Abneigung gegenüber gewissen sexuellen Praktiken zu überwinden. Die Nagasekte geht oft nackt umher, und die Tradition der Avadhut ist eine, die direkt die normalen Abneigungen bekämpft.

Der rechte Pfad praktiziert jedoch diese Techniken nicht offen. Stattdessen werden sie nur als Dharana oder meditative Visualisierungen benützt. Daher wird ein rechter Tantrist nur visualisieren, Sex zu haben mit einem Partner oder nur einen Leichnam visualisieren.

Was viele westliche ‚tantrische' Workshops tatsächlich tun, ist die spirituellen Beweggründe hinter der Philosophie zu verdrehen und die exotischen sexuellen Techniken herauszuziehen, um oft pure individualistische sexuelle Erfahrung zu steigern. Ich habe nichts dagegen, wenn Leute in verfeinerten sexuellen Techniken unterrichtet werden, doch es ist unredlich, diese Workshops ‚tantrisch' zu nennen.

Der Punkt ist, dass die verschiedenen tantrischen Praktiken kein Ende in sich selbst darstellen. Sie sind Techniken, geprägt zur Erreichung eines besonderen Zieles und sollten abgelegt werden, wenn dieses Ziel erreicht worden ist.

Auf dieser Stufe sollte ich eine kurze Notiz über taoistische sexuelle Praktiken geben. Einige taoistische Schulen gebrauchten sexuelle Praktiken, um den Fluss von Qi zu erhöhen. Dies wird aus zwei weitreichenden Gründen getan, um Gesundheit und Vitalität zu verbessern und spirituelle Wachsamkeit zu stimulieren. Hier ist wieder nicht der Ort, um ins Detail zu gehen. Ich werde jedoch bemerken, dass es interessante Unterschiede unter den verschiedenen Yogaschulen und taoistischen Schulen gibt. Einige Yogaschulen verbieten Homosexualität und Analverkehr, weil beide eine Gegenwirkung gegen Kundalini haben sollen, eine psycho-sexuelle, spirituelle Energie. Da scheint es ebenso ein klares Ungleichgewicht zugunsten der männlichen spirituellen Verwirklichung zu geben.

Ich bin auch skeptisch gegenüber dem Konzept der Samenzurückhaltung. Es gibt unter Kriegerkulturen eine Tradition der Männlichkeit (Virilität). Die lateinische Wurzel ist vir, aus der wir die Wörter virtue (Tugend) und virile (männlich) bekommen. Es ist ebenso eine heroische, disziplinierte, maskuline Energie, die von dem Weiblichen erschöpft werden kann. Es gibt da oft eine Bedeutung vom Speichern der Virilität in der Praxis der Samenzurückhaltung, und ich frage mich, wie weit diese Praxis aus einem maskulin/feminin-Konflikt stammt. Das Wesentliche von tiefem Tantra ist die Mischung von maskulinen und femininen Aspekten des Göttlichen, oft symbolisiert als das Mischen der weißen Essenz des Samens mit der roten Essenz des Menstruationsblutes. Auf einer tieferen Ebene scheint mir die Samenzurückhaltung der Versuch zu sein, das Weibliche zu kontrollieren, eher als sich ihm wahrhaftig zu unterwerfen. Ich bin ebenso skeptisch darüber, ob es denn ehrlich praktiziert wird. Es gibt eine Anzahl von Vorfällen, wo spirituelle Lehrer den Zölibat befürworteten, nur um erwischt worden zu sein, sich selbst dem Sex hingegeben zu haben (mithin wird das Mächtiger- Mann - System von Ebene 2 wiederholt, in anderen Worten: es ist bloß eine Ausübung von Macht). Es gibt Fragen, die ich nicht beantworten kann, doch sie schaffen eine interessante Herausforderung für eine integrale Sexualwissenschaft.

Jung, Tantra, Taoismus und Gnostizismus

Dies führt uns jetzt zu einer umfassenderen Untersuchung der Idee der maskulinen und femininen Polaritäten. Wilber hat darauf angespielt und ein Spektrum der Geschlechtsidentität geschaffen, das bei morphologischen Gegebenheiten beginnt, sich durch mehrere Stufen zur Geschlechtskonventionalität bewegt und er fährt fort, eine archetypische Geschlechtsunion einzuschließen. Mein erster Kommentar zu Wilbers Hierarchie ist, den Leser an die Wirkungen sowohl der Quadranten - Interaktionen als auch der Besonderheiten der Kultur zu erinnern. Geschlecht ist nicht einfach eine Frage von primären Geschlechtsmerkmalen. Es gibt mehr als zwei genetische sexuelle Typen (OL) und es gibt ebenso das Vorkommen von sexueller Fehlbildung, wo das gefühlte Geschlecht des Individuums (OR) verschieden von seinem physischen Geschlecht (OL) ist.

Dann haben wir die kulturelle Idee von Geschlecht (UR und UL) einzubeziehen. Kulturen haben ziemlich unterschiedliche Ideen davon, was maskulines und feminines Verhalten festlegt. In manchen Stämmen verbringen Männer Zeit mit dem, was andere Gesellschaften für weibliche Tätigkeiten halten, etwa sich herausputzen und schmücken. Die levantische neolithische Gesellschaft hatte Traditionen von Frauenkriegern (die Amazonen).

Ich glaube, wir könnten weiterkommen, wenn wir die Jungianischen Konzepte von anima (feminin) und animus (maskulin) verstehen – ebenso im taoistischen Konzept von yin und yang zu finden, den tantrischen Konzepten von Shiva und Shakti und den gnostischen Konzepten von maskulinen und femininen spirituellen Energien. Gemäß Jung sind anima und animus als psychologische Archetypen bei allen Menschen zu finden. Sie sind nicht abhängig vom physischen Geschlecht einer Person. Zuerst existieren sie in einem undifferenzierten Zustand. Die individuellen und kulturellen Umstände der Erziehung eines Individuums entscheiden dann die Weise, in welcher anima und animus in der Persönlichkeit des Individuums differenziert und ausgedrückt werden. Das Ziel der Jungianischen Therapie ist es, anima und animus bewusst zu vereinen, was Jung das Mysterium coniunctionis (das Geheimnis der Einswerdung) genannt hat.

Das Drama der Sexualität ist eine der Schlüsselweisen, wie das Individuum lernt, sowohl anima und animus zu differenzieren und dann sie wiederzuvereinen. In der Jungianischen Psychologie wird das Individuum oft zu einem sexuellen Partner hingezogen, der am besten die ‚fehlende' Hälfte symbolisiert. Deshalb wird ein Mann mit einer starken anima zu anderen Männern gedrängt werden oder zu einer maskulinen Frau und umgekehrt. Ich muss jedoch den Leser ebenfalls daran erinnern, dass dies innerhalb des Kontextes kultureller Normen geschieht. Einige Kulturen wertschätzen gewisse äußere Ausdrucksweisen dieser beiden Archetypen. Kriegerkulturen können wohl eine pathologische Abneigung gegen anima haben, und deshalb wird sie sublimiert.

Es ist unmöglich, Jung in diesem kurzen Überblick gerecht zu werden. Die beiden Archetypen von anima und animus entwickeln sich ebenso zu anderen Archetypen, etwa kore/korous, senex/hag usw. Sublimierte Archetypen formen sich um in das, was Jung den Schatten genannt hat. Hier ist es wichtig zu erwähnen, dass diese Archetypen ‚numinös' sein sollen, d.h. sie haben eine beträchtliche psychische Energie. Diese numinöse Qualität kann als eine stark geladene erotische Energie erfahren werden. Ein Bericht einer Patientin sagt das aus: Dann erschien ein Mann in einer goldenen Kutsche...er begann, sich vor und zurück zu schwingen, wie beim Tanzen..Ich bewegte mich im Rhythmus mit ihm. Dann sprang er plötzlich aus dem Loch hervor, vergewaltigte mich und machte mich schwanger. [12]

In den spirituellen Disziplinen, die das wichtige Zusammenspiel von maskulinen und femininen Energien anerkennen, spielt Sexualität unveränderlich eine wichtige symbolische oder physische Rolle. Tantrismus, Taoismus und Gnostizismus entwickelten alle spirituelle Praktiken, die geformt wurden, um anima und animus zu integrieren – und Jung studierte bekanntermaßen den Gnostizismus und seinen Sprössling, die Alchemie, um seine Themen zu entwickeln. Diese Traditionen glaubten, dass die erfolgreiche Integration von anima und animus für den höheren spirituellen Fortschritt wesentlich seien.

Einige Religionen setzen jedoch eine pathologische Betonung auf einen der Archetypen. Die abrahamistischen Religionen neigen dazu, die Anima zu unterdrücken und führen daher zu einem offenen kriegerischen Animus - Ausdruck.

Ich glaube, dass eine integrale Sexualwissenschaft wertvolles Material finden wird beim vollständigen Erforschen des Konzeptes von den Archetypen.

Integrale sexualmoral

Die Erste Anweisung (prime directive) bekundet, dass jede menschliche Aktivität dahingehend beurteilt werden sollte, ob sie oder ob sie nicht das höchste Entwicklungspotenzial in der Gesellschaft und in Individuen vorantreibt. Jede Handlung kann entweder den Entwicklungsfortschritt vereiteln oder sie kann ihm helfen. Eine integrale Ethik sollte damit befasst sein, jede Praxis zu empfehlen, die dem Entwicklungsfortschritt hilft und sollte sich ebenso gegen jede Praxis wenden, die den Entwicklungsfortschritt vereitelt.

Ich habe erörtert, dass die Erste Anweisung sich auf das Feld der politischen Ökonomie bezieht. Sie muss sich ebenso auf das Feld der Sexualwissenschaft beziehen. Welche persönlichen und öffentlichen sexuellen Praktiken helfen dem Entwicklungs-fortschritt ?

Dies ist nicht ein leicht zu lösendes Problem. Und zwar deshalb, weil was einer Person hilft, mag eine andere behindern. Die Lösung für die sexuellen Themen einer Person mögen ein offener sexueller Ausdruck sein, doch die Lösung für eine andere mag mehr Zurückhaltung sein. Auf jeden Fall erfordert eine integrale Sexualmoral eine tolerante Gesellschaft, damit das höchste Maß für einen positiven sexuellen Ausdruck gestattet werden kann.

Es sollte offensichtlich sein, dass jede der fünf oben aufgeführten Ebenen ihre eigene Sexualmoral hat. Die integrale Sexualmoral ist wirklich eine postkonventionelle Sexualmoral. Wir können die fünf Positionen wie folgt zusammenfassen.

  1. Keine Moral.
  2. Eine Moral zur Aufrechterhaltung des Stammes/Familien-Zusammenhalts.
  3. Eine Moral zur Aufrechterhaltung der Machtbeziehungen in einer geschichteten Gesellschaft.
  4. Eine individuelle Moral zur Maximierung des persönlichen Vergnügens.
  5. Eine einvernehmliche Moral auf vielgestaltigen Gruppen basierend.

    Ich sollte jetzt auch eine sechste Ebene einführen, nachdem ich den Einfluss einer authentischen spirituellen Praxis auf die Sexualität ausgeführt habe.

  6. Eine selbstdisziplinierte, spiritualisierte Sexualität unter der Führung der integralen Ersten Anweisung.

Eine selbstdisziplinierte Person wird natürlich auf eine Weise handeln, die für alle vorteilhaft ist: für ihre Sexualpartner und die relevanten Peergruppen, Vereinigungen, Subkulturen und die Gesellschaften, in denen sie sich befindet.

Einer der Aspekte dieser Selbstdisziplin ist das Verständnis und die Sensibilität für die Entwicklungsebene der Sexualpartner und der Peergruppe, die von dieser Beziehung betroffen ist. Einer der am meisten herausfordernden Aspekte im Leben ist das erfolgreiche Vermitteln sexueller und gefühlsmäßiger Beziehungen. Weil die Sexualität eine solch mächtige Kraft ist, lässt sie kraftvolle Gefühle entstehen. Das meiste des von uns gefühlten Gefühlswirrwarrs basiert auf unserer Reaktion auf und unsere Wahrnehmungen (meistens falsche) von unseren/unserem gegenwärtigen Partner/n und die/denen, die wir als Sexualpartner wünschen. Ich möchte vermuten, dass dieser Gefühlswirrwarr in sexuell negativen Gesellschaften noch ausgeweitet ist, wo der Zugang zu sexueller Erleichterung streng eingeschränkt ist. Solche Gefühle wie Neid, Eifersucht, Verletzung, Wut usw. sind eng an unseren Zugang zu sexueller Freude gebunden. Und weil Sex ein kraftvolles Verlangen ist, kann er zur Manipulation von Menschen benützt werden. Wer hat noch nicht Zuneigung und sexuelle Befriedigung zurückgezogen, um zu versuchen, seine Partner zu kontrollieren ? Wer hat noch nicht mit irgend jemandem geflirtet, um einen anderen zu kontrollieren ? Eine integrale Sexualmoral muss sehr genau darauf achten, welche Spiele Menschen spielen und muss ständig fragen, ob sie der Ersten Anweisung dienen.

Hier ist es wesentlich, über die Spiele nachzudenken, die spirituelle Führer mit ihren Schülern spielen. Es hat zu viele Fälle gegeben, dass spirituelle Führer ihre Autoritätsposition ausnutzten, um sexuelle Vorteile zu gewinnen. Wie ich oben erwähnt habe, lässt das die Organisation auf Ebene 2 zurückkehren, wo der Lehrer der mächtige Mann eines virtuellen Stammes wird und Sex wird als eine mächtige, verborgene Währung benützt. Dort wird es eine Kerngruppe von Assistenten geben, die Bescheid wissen, das Geheimnis bewahren und dem Lehrer helfen, und sogar potenzielle ‚Konkubinen' für ihren Lehrer aussuchen. Ihre Belohnung ist ein Gefühl der Macht und ein stellvertretendes sexuelles Vergnügen. In solchen Fällen dürfen die Assistenten sozusagen die zweite Wahl haben. Wenn der Lehrer männlich ist, dürfen die nahen männlichen Assistenten wohl die ‚Konkubinen' nutzen, die vom Lehrer abgewiesen werden. Im Fall der weiblichen Assistenten werden sie wohl durch die Hoffnung motiviert, dass sie irgendwie an der sexuellen ‚Magie' des Lehrers teilhaben werden. Währenddessen werden die Leute außerhalb dieser sexuellen Verschwörung angehalten, den Zölibat aufrechtzuerhalten, und so erhöht man die sexuelle Spannung in der Gruppe. Diese Dynamik muss wohl eine der am meisten destruktiven der echten spirituellen Entwicklung sein. Es ist ein Indikator dafür, wie allgegenwärtig das sexuelle Verlangen ist und wie es manipuliert werden kann. Eine wahrhaft integrale spirituelle Praxis muss diese Dynamik klar verstehen und absichern, dass es in der Gruppe sexuelle Ehrlichkeit und Transparenz gibt. Das traditionelle Guru/Schüler – Verhältnis entstand in feudalen Systemen und basiert auf den Dynamiken der zweiten Ebene. Ein sorgfältiges Lesen der Traditionen der Großen Weisheit enthüllt, dass spirituelle Gnade nicht in einer Person wohnt. Ein Guru ist wirklich nur ein theatralisches Werkzeug. Die richtige Arbeit wird von unserem eigenen inneren Guru eingeleitet. Eine integrale Sexualmoral ist ein harter Lehrmeister, es geht um Selbstbemeisterung. Nur das Individuum kann seine Motivationen und die wahre moralische Ebene kennen, auf der es arbeitet.

Ich sollte ebenfalls das Problem der Macht - und Weisheitslücke zwischen unterschiedlichen Entwicklungsebenen erwähnen. Natürlich hat ein Individuum, das auf einer hohen Ebene der kognitiven Entwicklung operiert, ein viel verfeinerteres Verständnis als jemand, der auf einer niederen Ebene operiert. Dies eröffnet die Möglichkeit einer Manipulation durch ein Machtdifferenzial. Davon wird oft in feministischen Theorien von sexuellen Beziehungen geredet. Davon wird ebenso im Hinblick auf professionelle Beziehungen gesprochen, wie etwa zwischen Student und Lehrer, Angestelltem und Arbeitgeber und Kind und Beschützer. Es sind jedoch nicht alle Machtungleichgewichte von sich aus ausnutzend. Die Mentorbeziehung kann oft dynamisch und positiv sein. Es ist auch möglich, dass es ein sexuelles Beraten gibt. Doch da gibt es auch ein beträchtliches Potenzial für eine ausbeutende Beziehung. Noch einmal: eine integrale Sexualmoral erfordert Selbstdisziplin und eine beträchtliche Ehrlichkeit bei der Motivation. Eine sexuelle Beziehung sollte nicht eingegangen werden, wenn sie wahrscheinlich dem Entwicklungsprozess jedes Individuums schaden könnte.

das problem der Sexualität von kindern und heranwachsenden

Dies ist eines der am gewichtigsten und widersprüchlichsten Themen in der Sexualwissenschaft. Und es ist das Thema, das am meisten der missverständlichen und gefühlsmäßigen Verwirrung unterliegt. Es ist ebenso ein Gebiet, wo tiefe psycho-dynamische Prozesse eine öffentliche und private Hysterie hervorrufen können. So schwerverständlich dieses Thema auch ist, es ist jedoch absolut wesentlich, es zu verstehen.

Lassen Sie uns zuerst einige widersprüchliche Tatsachen feststellen, Tatsachen, die einige versuchen, zu ignorieren oder sogar zu unterdrücken.

  1. Kinder sind sexuelle Wesen von Geburt an.[13] Sexuelle Erregung ist bei Jungen und Mädchen im Uterus gemessen worden. Sowohl Jungen als auch Mädchen sind während der Kindheit zu sexueller Erregung fähig.[14] Mädchen sind in jedem Alter in der Lage, Erregung und Orgasmus zu erfahren. Das Thema ist weniger klar für die Jungen – es gibt einige Beweise für nicht ejakulatorische Orgasmen bei Jungen, mit etwas anekdotischer Vermutung von einem Multi - Orgasmus – Potenzial. Das sind einfach physiologische Tatsachen. Die Frage, ob Kinder Orgasmen erfahren sollten, ist eine kulturelle. Kinder sind sexuell neugierig, und Masturbation und sexuelles Spielen sind üblich. Kinder haben ebenso sexuelle Fantasien und Reize. Wie Kinder ihre sexuelle/n Neugier und Erfahrungen durchführen, ist ebenfalls kulturabhängig. In sexuell negativen Gesellschaften wird die Realität von kindlicher Sexualität oft verleugnet oder bestraft. In sexuell positiven Gesellschaften wird kindliche Sexualität anerkannt und sogar ermutigt.
  2. Das ethnografische Material zeigt, dass in den meisten Gesellschaften während des größten Teils der menschlichen Geschichte Kinder an sexuellen Aktivitäten auf verschiedene Weisen teilgenommen haben. In Stammesgesellschaften sind sie Zeugen, wenn Erwachsene Sex haben und sie beteiligen sich am offenen sexuellen Spiel. Es gibt zwei weitreichende Muster der Initiation in die volle sexuelle Reife. In vielen Kulturen geschieht das einfach, wenn das Kind (besonders ein Mädchen) körperlich groß genug ist, um Geschlechtsverkehr zu haben. Amazonasstämme glauben, dass der Samen die Menstruation verursacht, und deshalb beginnen Mädchen im Alter von 8 bis 10 Jahren Geschlechtsverkehr zu haben. Bei australischen Aboriginees leben die versprochenen Bräute im gleichen Alter mit ihrem Ehemann zusammen. Er hat vollen sexuellen Zugang zu ihr. Indien hatte lange eine Geschichte von Kinderbräuten. Das andere Muster ist, dass die Menarche [die erste Menstruation; d.Üb.] und die Ejacularche [der erste Samenerguss; d.Üb.] den Anfang der sexuellen Verfügbarkeit markieren (für einen Großteil seiner Geschichte folgte das europäische Heiratsalter dem römischen Gesetz, das es auf das Alter von 12 Jahren setzte). Diesem Brauch folgend, vollzog Mohammed den Eheakt mit seiner zweiten Ehefrau Aisha, als sie 9 Jahre alt war – sie hatte eine frühe Menarche erlitten. Es ist ebenso wahrscheinlich, dass Maria Jesus zur Welt brachte, als sie ein sehr junger Teenager war ( der Mythos der jungfräulichen Geburt mag auch damit zu tun haben, dass sie vor ihrer Menarche schwanger wurde). Ist Gott deshalb ein Pädophiler ? Es gibt sehr viele Variationen davon. Einige Gesellschaften gestatten eine Zeit des sexuellen Experimentierens vor der Heirat, und andere versuchen, die außereheliche Aktivität von Heranwachsenden zu kontrollieren (mit verschiedenen Graden an Erfolg).
  3. Es gibt auch beträchtliches ethnografisches Material, um zu zeigen, dass sexuelle Beziehungen von Kindern mit Erwachsenen ebenfalls üblich sind. Das kann vom Inzest zu institutionalisiertem Zugang zu Kindern reichen, gewöhnlich durch Sklaverei oder Prostitution, bis zu zufälligen sexuellen Beziehungen. Ein beträchtliches Komponent davon ist rein ausbeuterisch, doch einiges nimmt die Form von gemeinsamem Vergnügen an und als eine Form des sexuellen Führens. In einigen Gesellschaften initiiert ein Onkel oder eine Tante das Kind in die sexuellen Techniken. In anderen werden sexuelle Techniken gelehrt und demonstriert.
  4. Die Idee, dass Kinder und Heranwachsende sexuell Unschuldige sind, ist tatsächlich selten und ist beschränkt auf europäische christliche Gesellschaften, besonders anglo-amerikanische Gesellschaften. Sie ist ebenso historisch selten anzutreffen und ist weitgehend ein Phänomen des späten 19. Jahrhunderts und findet ihren vollen Ausdruck im 20. Jahrhundert.

Die Idee des unschuldigen Kindes ist ein kulturelles Konstrukt mit einer interessanten Geschichte. Die katholische Kirche entwickelte eine Doktrin von der Erbsünde, und Kinder wurden oft als Verführer und Versucher angesehen, bevor sie erzogen waren. Während ihres langen Machterhalts hat die katholische Kirche die vorherrschende Norm des Heiratsalters von 12 Jahren nicht in Frage gestellt. Die Hinterfragung kam von zwei gegensätzlichen Quellen. Die erste war die protestantische Theologie, die die Idee der Erbsünde angriff und eine Gegenidee von der ursprünglichen Unschuld entwickelte. Diese Doktrin argumentierte, dass die Individuen die Wahl hatten, die Geschichte vom Sündenfall zu wiederholen, wenn sie die Reife erreicht hatten – bis zu dieser Zeit waren sie unfähig zu sündigen. Und vorausgesetzt, dass die christliche Erzählung vom Sündenfall unentwirrbar mit der Sexualität verbunden ist, war der Akt von ‚unmoralischem' Sex die Hauptursache für das Wiederholen des Sündenfalls. Daher wurde es wesentlich, dass Kinder vor einem anormalen Fall bewahrt werden sollten, indem sie so lange wie möglich für sexuell Unschuldige gehalten werden. Die Idee vom unschuldigen Kind hat sich weiterhin festgesetzt, als Erwachsene damit begannen, ihre eigenen sexuellen Zweifel und Befürchtungen auf das Kind als eine Art leerer Schüssel zu projizieren. Dadurch wurde die Idee vom unschuldigen Kind mit einer beträchtlichen psychischen Übertragungskraft von Erwachsenen ausgestattet. Auf diese Weise sind Erwachsene sehr behütend geworden, nicht gegenüber individuellen Kindern, sondern gegenüber einem äußerst romantisierten, idealisierten Konzept von einer perfekten, unschuldigen Kindheit. Eine Idee, die keine Grundlage in der Wirklichkeit von Kindern an sich hat.

Die zweite Quelle war das Zeitalter der Vernunft und die allmähliche Realisierung, dass die christliche Theologie auf einem Mythos basiert. Als die europäische Zivilisation wissenschaftliche Beweise fand und ebenso anderen Kulturen mit abweichenden Normen begegnete, zog sich die christliche Tradition tatsächlich weiter in ein romantisiertes Kindbild zurück. Die raschen Veränderungen der industriellen Revolution trugen ebenfalls dazu bei und gegen Ende der Reformbewegungen des 19. Jahrhunderts verschwand zum Glück die Kinderarbeit und Kinderprostitution. Natürlich waren diese Sachen über Jahrhunderte ohne großen Widerstand vorgekommen, Kinder hatten immer auf den Feldern gearbeitet und die Armen hatten sie immer in die Prostitution verkauft.

Das moderne Konzept von einem Einwilligungsalter entstand zu jener Zeit. Als ein Ergebnis eines öffentlichen Aufschreis gegen die Kinderprostitution erhöhte die britische Regierung 1875 das Einwilligungsalter für Nichtverheiratete von 10 auf 13 Jahre, und dann 1885 auf 16 Jahre. [15]. Das Alter der Heiratseinwilligung blieb bis 1929 auf 12 Jahren. Dieses Reformmuster wurde schließlich in vielen westlichen Ländern wiederholt, doch mit unterschiedlichem Einwilligungsalter. Das höchste Alter wurde in einigen amerikanischen Staaten auf 18 gesetzt. Die spanischen Kolonien jedoch stimmten oft für ein viel jüngeres Einwilligungsalter – 13 in Spanien und 12 in Peru und Kolumbien. Japan und Korea haben ebenfalls ein jüngeres Einwilligungsalter.

Die Rechtfertigung für das Einwilligungsalter ist tatsächlich völlig willkürlich. Es ist bloß das Alter, bei dem eine Gesellschaft meint, dass Heranwachsende (besonders Mädchen) in der Lage sein sollten, dem Geschlechtsverkehr zuzustimmen. Es basiert tatsächlich nicht auf irgendwelchen soliden empirischen Daten. Es scheint in der Tat mehr um den Schutz der Institution der christlichen Heirat zu gehen, was durch die vielen vorkommenden Lücken zwischen der Heiratseinwilligung und der Einwilligung der Unverheirateten bewiesen wird. ( In einigen Ländern des Nahen Ostens gibt es kein Mindestalter für Heiratseinwilligung, doch ein hohes Alter für die Einwilligung Nichtverheirateter – 21).

Das hat tatsächlich mit der Zeit das Alter der Unschuld erweitert. Genau genommen ist ein Kind präpubertär, doch jetzt werden Heranwachsende Kinder genannt, und die Begriffe Kindesmissbrauch und Pädophilie werden benützt, um sich auf jeden Sex mit gesetzlich definierten ‚Minderjährigen' zu beziehen. Daher kann ein reifer Heranwachsender ein ‚unschuldiges Kind' genannt werden. Der Ausdruck Pädophiler wird zunehmend falsch benützt. Ein wahrer Pädophiler ist ein Erwachsener, der sich ausschließlich zu Kindern hingezogen fühlt. Ein Erwachsener, der sich ausschließlich zu Heranwachsenden hingezogen fühlt, wird tatsächlich ein Ephebophiler genannt. Ephebophilie [16] wurde erst problematisch, als das Zustimmungsalter angehoben wurde. In der Vergangenheit konnten erwachsene Männer heranwachsende Mädchen heiraten. Meistens wird Kindesmissbrauch tatsächlich von opportunistischen Erwachsenen begangen, die dem Kind bekannt sind. Wirkliche Pädophilie ist selten.

Was hat die Entwicklungspsychologie über die Bemerkung von der Zustimmung zu sagen ? Es hängt davon ab, was man mit Zustimmung meint. Die Idee vom Kind/Heranwachsenden als einem Unschuldigen bedeutet, dass ein Kind gar nicht zustimmen kann, weil es als unschuldig betrachtet wird. Dies ist ein Kreisargument. Mit anderen Worten geht es beim Zustimmungsalter nicht darum, ob oder ob nicht ein einzelnes Kind zustimmen kann, sondern ob oder ob es nicht zustimmen sollte.

Zustimmung erfordert die Fähigkeit auszuwählen und eine Kenntnis der möglichen Konsequenzen dieser Auswahl. Für ein beträchtliches Stück der Geschichte hatten Frauen und Mädchen schlichtweg oft nicht die Macht auszuwählen. Hochzeiten sind oft arrangiert worden, und ledige Frauen wurden diskriminiert. Die Idee, dass eine Frau oder ein Mädchen frei zustimmen konnte, ist tatsächlich ein Produkt der modernen Auseinandersetzung über die Menschenrechte, der ein zusätzliches Gewicht durch die feministische Bewegung gegeben wurde. Arrangierte Hochzeiten sind immer noch Realität in vielen Ländern, so wie es unglücklicherweise die Vergewaltigung als ein Mittel der Kontrolle von Frauen ist. Die Frage des Verständnisses der Konsequenzen einer Handlung hängt von zwei wich-tigen Faktoren ab. Der erste ist das erlernte Wissen über die möglichen Konsequenzen und der zweite ist die Fähigkeit, dieses Wissen zu verstehen. Wissenserwerb ist bloß die Angelegenheit von wirksamer Erziehung. In sexuell negativen Gesellschaften existiert dieses Wissen entweder nicht oder es wird äußerst eingeschränkt. In vielen Gesellschaften wird Kindern einfach nicht das angemessene Wissen über Sex gegeben. Die Idee vom unschuldigen Kind schließt auch ein, das Kind unwissend zu halten, sogar über seine oder ihre natürlichen sexuellen Antworten. In traditionellen polynesischen Gesellschaften wussten Kinder, was ein Orgasmus ist. Im Westen könnte ein Kind eine orgasmische Antwort wegen Nichtwissens missverstehen und fürchten.

Die Fähigkeit, das Wissen zu verstehen, hängt von der Ebene der kognitiven, affektiven und moralischen Entwicklung ab. Hier geraten wir in eine interessante Situation. Entwicklung auf diesen Gebieten ist nicht übereinstimmend. Das heißt, sie kann bei einer Person schnell sein und langsam bei einer anderen. Wenn wir annehmen, dass Zustimmung erfolgen kann, wenn ein Individuum die untere Ebene der Kompetenz Erwachsener erreicht, die in Kohlbergschen Begriffen Ebene drei ist ( frühes konventionelles Denken ) und in kognitiven Begriffen ist es formal operational, dann müssen wir zugeben, dass einige außergewöhnliche Individuen in der Lage sind, in einem jungen Alter zuzustimmen und einige Erwachsene überhaupt nicht in der Lage sind zuzustimmen ( dies läßt die interessante Frage nach den sexuellen Rechten der intellektuell Behinderten auftauchen ). Tatsache ist, dass einige intelligente Kinder vor dem gesetzlichen Zustimmungsalter in das postkonventionelle Urteilen und das systematische Denken eintreten, und obschon sie tatsächlich kompetenter als der durchschnittliche Erwachsene sind, wird ihnen das Recht auszuwählen verweigert.

Doch Zustimmung bedeutet gar nichts, solange man nicht definiert, wozu man zustimmt. Tatsache ist, dass von Kindern erwartet wird, dass sie eine Reihe von Entscheidungen treffen, die ihre Entwicklungsfähigkeiten immer überspannen. Deshalb kommen wir jetzt zu einem anderen Faktor – in sexuell negativen Gesellschaften ist die Entscheidung, Sex zu haben, eine große Sache, in sexuell positiven Gesellschaften ist sie eine relativ kleine Sache. In sexuell negativen Gesellschaften ist der Sexualakt mit komplexen Bedeutungen überladen. In sexuell positiven Gesellschaften ist er oft ein einfacher Akt des Vergnügens. In sexuell negativen Gesellschaften hat die Ausübung jeder Art von verbotenem Sex das Potenzial ernster Konsequenzen, einschließlich öffentlicher Beschämung und Bestrafung. In sexuell positiven Gesellschaften gibt es wenige Konsequenzen. In sexuell negativen Gesellschaften stimmt man nicht so sehr dem Sex zu sondern stimmt der Annahme des viel größeren Risikos beim Brechen strenger Tabus zu.

Zu diesem Thema wird eine beträchtliche Verwirrung dadurch hinzugefügt, dass es für einige Menschen im Westen wirklich eine große Sache ist und für andere nicht so sehr. Wenn man aus einer streng katholischen Familie kommt und als Kind beim Masturbieren erwischt wird, mag das alle Sorten von zusätzlichen Bedeutungen haben. Wird man hingegen in einer liberalen weltlichen Familie beim Masturbieren gesehen, dann mag das ohne Folgen bleiben. Es ist wichtig, diese Verschiedenheit von Bedeutungen zu verstehen, besonders wenn wir dazu kommen, den Kindesmissbrauch zu diskutieren. Und ich sollte hinzufügen, dass diese Verschiedenheit der Bedeutung für viele kompetente Erwachsene verwirrend ist. Was hat das alles mit integraler Sexualwissenschaft zu tun ? Eine ganz schöne Menge. Die Verleugnung der kindlichen Sexualität ist eine der Hauptursachen für sexuelles Fehlverhalten im späteren Leben. Sie ist die Hauptursache für Paraphilia und Phobien. Der Mythos vom unschuldigen Kind ist bloß ein Mittel, um Kinder unwissend zu halten. Es bedeutet, dass ihnen keine Sprache und kein Wahrnehmungsapparat gegeben werden, mit denen sie ihre natürlichen sexuellen Verlangen und Erfahrungen verstehen. Sie sind deshalb gezwungen, akzeptablere Erzählungen zu erfinden oder ihre Erfahrungen einfach zu unterdrücken.

Der Mythos vom unschuldigen Kind ist auch üblicher unter Menschen, die ein konventionelles Moralempfinden zur Schau tragen und die im allgemeinen dem mythischen Denken unterworfen sind. Er hat deshalb einen Entwicklungsaspekt.

Es ist eine ernsthafte Pathologie, und ich werde ihr einen Namen geben, Erotopaedophobie, die Furcht vor der Sexualität der Kinder. Es ist eine Ausweitung der allgemeinen Erotophobie, die in westlichen Gesellschaften angetroffen wird.

die politik der sexualmoral

Die christliche Kirche ist ohne Zweifel der Lieferant der sexuell negativsten Haltungen, die die Welt je gesehen hat. Die Religionsgelehrte Elaine Pagels hat die Ursprünge der christlichen Haltung in ihrem Buch ‚Adam, Eva und die Schlange' untersucht. Sie argumentiert, dass die frühen Christen die bereits sexuell negativen Haltungen des Judentums mit einer wörtlichen Interpretation des Mythos vom Garten Eden kombiniert haben. Sex wurde eine Sünde – die Sünde.. Er war so schlecht, dass er nur zur Fortpflanzung praktiziert werden sollte. Er war nichts, über das man sich um seiner selbst willen erfreuen konnte, und sogar von verheirateten Paaren erwartete man, dass sie sexuelle Zurückhaltung praktizierten. Clement von Alexandria argumentierte:

„...nicht einmal in der Nacht, obschon in Dunkelheit, ist es tunlich, sich unbescheiden oder unanständig zu verhalten, sondern mit Bescheidenheit, so dass was immer passiert, im Licht der Vernunft geschieht...denn sogar diese Vereinigung ist gefährlich, die gesetzmäßig ist, außer insoweit sie mit der Zeugung von Kindern befasst ist.“...

Diese sexuell negative Sichtweise geht tief in die westliche Gesellschaft hinein. Wir sind anscheinend unfähig, den Glauben zu erschüttern, dass Sex irgendwie unanständig ist. Sogar noch beunruhigender ist, dass die christliche Kirche immer noch versucht, eine sexuell negative Agenda der Gesellschaft aufzudrücken. Sie glaubt immer noch, dass sie die hauptsächliche moralische Autorität in der Gesellschaft sei und sie handelt fortlaufend mit erstaunlicher Hybris. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass Menschen immer noch zuhören. Eines der hauptsächlichen politischen Ziele vieler kirchlicher Gruppen ist tatsächlich die Kontrolle der Sexualität. Da wird noch fortlaufend an der Kontrolle des sexuellen Lebens der Menschen gearbeitet und in den USA hat man damit einen bemerkenswerten Erfolg auf einer Anzahl von Schlüsselgebieten.

der missbrauch der kindesmissbrauchs - industrie

Während der 80er und frühen 90er Jahre gab es eine beträchtliche öffentliche Hysterie über Kindesmissbrauch. Die hat nachgelassen, doch es gibt immer noch eine nicht annehmbar hohe Ebene der moralischen Panik über diese Sache. Die Beweislage unterstützt nicht die Hysterie. Es gab seither kein Ansteigen im Vorkommen von Pädophilie oder Kindesmissbrauch. Es ist weitgehend ein Mythos, der von den gleichen Kräften geschaffen wurde, die in die Idee vom unschuldigen Kind investiert haben. Auf viele Weisen enthüllt die Hysterie eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der Hysterie über Hexen. Auf ihrem Höhepunkt behaupteten die Hysteriker, dass es vielfältige Hexenversammlungen gab, die rituell Kinder missbrauchten. Die Hexenversammlungen waren angeblich gut verbunden und schlossen Richter, Politiker, wohlhabende Geschäftsleute und die Polizei mit ein. Ein FBI – Bericht zeigte, dass es in der Tat keinen Beweis für rituellen Missbrauch gab. Doch dies schreckte die Hysteriker nicht ab. Die rituellen Missbraucher waren offensichtlich so schlau, dass sie die besten Forensiker an der Nase herumführen konnten. Die von den Hysterikern gezeichneten Szenarien waren so ausführlich und trugen eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den Szenarien, die zu anderen Zeiten von anderen Hysterikern gezeichnet wurden, wie die Blutverleumdung, die gegen die Juden gerichtet war.

Diese Welle der Hysterie führte auch zu Missbrauchsfällen in etlichen berühmten Kinderschutz-Zentren. Diese hatten auch Anteil an ausführlichen Fantasieszenarien und die meisten wurden schließlich wieder von Gerichten abgewiesen oder erfolgreich verhandelt. Zur gleichen Zeit war das Syndrom der unterdrückten Erinnerung populär. Es ist jetzt diskreditiert worden, doch es führte zu etlichen ernstlichen und tragischen Fehlurteilen.

Das hat jetzt zu einer Gegenbewegung geführt, die argumentiert, dass es eine politisch und religiös motivierte Industrie des Kindesmissbrauchs gibt, die selbst Kinder missbraucht. Einigen Psychologen ist jetzt wegen Amtsmissbrauchs die Zulassung entzogen worden, und die Polizei bekommt ein besseres Training bei der Untersuchung von Kindesmissbrauch. Eine der großßen Tragödien der Hysterie ist die Furcht, die jede Aktivität durchströmt, wo Erwachsene in Kontakt mit Kindern kommen. In einigen Wahlbezirken müssen Eltern, die Sportmannschaften betreuen wollen, sich polizeilichen Untersuchungen unterziehen, das schreckt viele ab. Pflichtberichterstattung hat zu falschen Anschuldigungen geführt, solche dass ein Vater gefragt wurde, weil seine Tochter im Vorschulalter gesagt hatte, dass er ihren Po berührt hätte. Natürlich hatte er es getan, indem er ihn abgewischt hat, wie es alle Eltern tun. Einige Eltern sind dermaßen verwirrt darüber, was angemessener intimer Kontakt ist, dass sie den meisten intimen Kontakt zurückgenommen haben, wie ein Vater, der aufhörte, die Haare seiner Tochter zu bürsten, falls es als zu intim angesehen werden könnte, trotz der Tatsache, dass eine solche Tochter/Vater – Intimität für die Entwicklung des Mädchens wichtig ist. Es hat andere Fälle gegeben, wo Kinder, die angenehme Vorfälle von Erwachsenen / Kinder – Sexualkontakt hatten und die sich nicht missbraucht oder traumatisiert fühlten, dazu gedrängt wurden zu sagen, dass sie traumatisiert waren und dass sie das Trauma ableugnen sollten. Ein Junge verklagte erfolgreich seinen Betreuer, der ihn ein Jahr lang in Therapie hatte, wegen eines Vorfalls, der ihm gefallen hatte. Germaine Greer hatte folgendes zu solchen Fällen zu sagen:

„Vom Standpunkt des Kindes und vom Standpunkt des normalen gesunden Menschenverstands gibt es einen enormen Unterschied zwischen dem Verkehr mit einem willigen kleinen Mädchen und der gewaltsamen Penetration der kleinen Vagina eines eingeschüchterten Kindes. Eine mir bekannte Frau erfreute sich am Sex mit ihrem Onkel während ihrer Kindheit, und sie bemerkte nie, dass es etwas Unübliches war, bis sie zur Schule ging. Was sie dann verstörte, war nicht, was ihr Onkel getan hatte, sondern die Haltung ihrer Lehrer und des Schulpsychologen. Sie vermuteten, dass sie traumatisiert und angeekelt sein musste und deshalb eine besondere Hilfe nötig hatte. Um nun ihren Erwartungen nachzugeben, begann sie, Symptome zu heucheln, die sie nicht fühlte, bis sie sich mit der Zeit wahrhaft schuldig fühlte, weil sie sich nicht schuldig gefühlt hatte. Sie kam schließlich so weit, dass sie sich wegen dieser angeborenen Geilheit recht scharf verurteilte.“

( Ich heiße die Handlungen des Onkels nicht gut. Das pflegt deutlich ein Fall von Ausbeutung zu sein. Doch was auch immer unser Urteil über die Rechtmäßigkeit dieser Beziehung ist, so ist es doch falsch, das Kind weiter auszubeuten, um unsere moralische Empörung zu befriedigen. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Aufzeigen der Unerwünschbarkeit der Beziehung und dem Handeln, um das Kind sich sündhaft und schuldig fühlen zu lassen.)

Die Liste der Torheit ist lang und dehnt sich jetzt auch auf Kinder selbst aus, die als Sextäter abgestempelt werden.

Was ist geschehen ? Hier spielt das jungianische Konzept des Schattens einen wesentliche Rollel beim Verständnis dieser Hysterie. Gemäß der jungianischen Theorie enthält jeder psychologische Komplex eine gegenteilige oder Schattenseite. Die Idee vom unschuldigen Kind muss einen Schattenaspekt haben. Die Idee von sexueller Reinheit muss ein Gegenteil von sexueller Verschmutzung haben. In der christlichen Mythologie ist Satan der Schatten Jesu. Sobald man eine ausführliche Fantasie von der sexuellen Unschuld der Kindheit aufbaut, konstruiert man unbewusst eine Schattenwelt der Korruption und Lasterhaftigkeit. Die jungianische Theorie besagt ebenfalls, dass man den Schatten auf einen anderen projizieren muss. Deshalb ist der gegenteilige Schatten des unschuldigen Kindes der abwegige Erwachsene, der böse Pädophile, der sich mit satanischem rituellem Missbrauch befasst. Dieser ‚Sündenbock' muss streng bestraft werden, und die Hysteriker werden oft nach der lebenslangen Haftstrafe schreien, indem sie fälschlich argumentieren, dass Pädophilie nicht geheilt werden kann. Natürlich kann sie geheilt werden. Pädophile haben eine relativ geringe Rückfallquote. Eine Untersuchung in Neuseeland hat die Rückfallquote auf 5% zurückgeführt – ein außergewöhnliches Ergebnis.

Es ist auch nützlich, die Dynamiken des Kore/Korou – Archetypen zu verstehen, wenn man sowohl die Pädophilie als auch die extreme Reaktion der Gesellschaft auf sie verstehen will. Wie ich oben erwähnte, sind die Archetypen numinös und können eine beträchtliche sexuelle Energie mit sich tragen. Der Kore/Korous ist der Archetyp des Kindes. Kore ist die Anima und Korous der Animus in einer sublimierten Form. Die Dynamik ist wiederum komplex, doch alles was wir hier bemerken müssen, ist dass sowohl Erwachsene wie auch Kinder von den Archetypen beeinflusst werden, und die sexuelle Anziehung eines Kindes zu einem Erwachsenen oder eines Erwachsenen zu einem Kind mag (und mag nicht) eine archetypische Grundlage haben. Und noch einmal: eine sexuell negative Gesellschaft, die eine schwere Bürde der Scham und Schuld auf jedes Bild eines sexualisierten Kindes lädt, mag das Verständnis dieses Bildes als bloß archetypisch und nicht auf wahre pädophile Tendenzen weisend, wo das Verlangen ausgeführt wird, verhindern. Wie Freud und Jung beide klar verstanden, erscheinen sexualisierte Kinder in Träumen als Symbole und nicht notwendigerweise als Verlangen für den Bezug selbst.

Traurigerweise übersieht dieser Typ des Schattenspieles die komplexe Natur vieler sexueller Missbrauchsfälle. Das Kind ist oft nicht völlig unschuldig, noch ist der Erwachsene immer total böse. Die polarisierte Fantasie vom guten Kind und dem bösen raubgierigen Menschen handelt oft gegen eine gesunde Lösung des Missbrauchvorfalls zugunsten des Opfers oder des Täters.

Unglücklicherweise haben die Mythenschneider einen beträchtlichen Einfluss und sie benützen diesen Einfluss, um eine sexuell negative Agenda zu fördern. Dies ist besonders in Amerika der Fall, wo die religiöse Rechte eine Menge an politischer Energie investierte, um progressive Reformen auf dem Gebiet der Sexualität zurückzuschrauben. Es geht darum, die christlich-jüdische Moral aufzuerlegen, und die Sexualwissenschaft stellt ihre zentralen moralischen Verfechtungen direkt in Frage. Die Sexualwissenschaft ist selbst in einen ständigen Angriff geraten mit dem Versuch, Kinsey zu diskreditieren.

1998 veröffentlichte die amerikanische psycholgische Vereinigung ein Meta-Gutachten (ein Gutachten aller verfügbaren Gutachten) von kindlichen Missbrauchsopfern. Es gelangte zu einigen bestürzenden und widersprüchlichen Ergebnissen. Die Mythenschneider beharren darauf, dass jeder Kind-Erwachener-Sexualkontakt immer missbräuchlich und extrem traumatisch sei. Das Meta-Gutachten zeigte, dass dies einfach nicht der Fall ist. Es zeigte, dass es ein Spektrum der Reaktion von extrem negativ bis positiv gibt. In einem Gutachten über selbstberichtete Fälle fand die Meta-Analyse, dass sehr wenige Kinder überhaupt traumatisiert waren, mehr von ihnen berichteten positive Reaktionen. Andere berichteten, ein neutrales oder nur ein mildes und zeitweiliges Trauma zu empfinden.

„Selbstberichtete Wirkungen von kindlichem Sexualmissbrauch enthüllten, dass längerandauernder psychologischer Schaden bei sexuell missbrauchten College-Studenten ungewöhnlich war. Ein wahrgenommener temporärer Schaden war, obschon häufiger vorkommend, weit weniger als immer gegenwärtig. Kurzum, die Daten der selbstberichteten Wirkungen unterstützen nicht die Vermutung eines weitreichenden psychologischen Schadens bei sexuellem Kindesmissbrauch.“

Es gibt keinen Zweifel, dass wahrer Missbrauch und echtes Trauma vorkommen, doch es ist nicht eine allgemeine Erfahrung. Dies ist in nachfolgenden Gutachten bestätigt worden. Ein im Archiv für sexuelles Verhalten [19] 2005 veröffentlichtes Gutachten zeigt, dass die meisten Menschen, die einen sexuellen Missbrauch erfuhren, weiterhin ein normales und befriedigendes Sexualleben führen. Es zeigt ebenso, dass Missbrauchsopfer kein höheres Vorkommen von sexueller Fehlfunktion zeigen, als Erwachsene, die nicht missbraucht worden sind. Nichtsdestoweniger haben mit der religiösen Rechten verbundene Leute als Lobby den US-Kongress bewegt, und die APA wurde angewiesen, den Bericht zurückzuziehen. Sie haben ihn nicht zurückgezogen, haben jedoch einen Widerruf herausgegeben. Eine nachfolgende Untersuchung fand heraus, dass die Ergebnisse der Studie gültig waren.

Die Definition von ‚Missbrauch' wird selbst vage und sehr allgemein gehalten. Ein in Australien gearbeitetes Gutachten schloss die Zurschaustellung elterlicher Nacktheit als ein Beispiel für Missbrauch ein. Jedoch ist die Zurschaustellung elterlicher Nacktheit in vielen Kulturen üblich. Wie wurde entschieden, dass dies missbräuchlich sei ? Es ist müßig zu sagen, dass es kaum erstaunlich ist, dass das Vorkommen von Missbrauch hoch ist, wenn solche allerweltlichen Sachen wie elterliche Nacktheit in Gutachten miteinbezogen werden. Die Definition von Missbrauch muss geklärt und standardisiert und auf qualitativen Studien gegründet werden, die den Grad des Missbrauchs definieren gemäß der Wahrscheinlichkeit eines Traumas. Eine solche Studie könnte jedoch die Furchtkampagne unterminieren und zeigen, dass das Vorkommen von Missbrauch, der zu einem ernsthaften Trauma führt, tatsächlich ziemlich rar ist. Das APA-Papier kämpft für einen solchen Wechsel, indem es vorschlägt, dass eine neue Kategorie von nicht-missbräuchlichem Kind/Erwachsener-Sexualkontakt geschaffen werden soll. Es ist bisher nichts geschehen.

Das bedeutet natürlich, dass die Mythenschneider entschlossen sind, jede Information zu unterdrücken, die ihrem Mythos widerspricht. [20] Wir sollten kaum überrascht sein, weil viele von ihnen die gleichen Leute sind, die versuchen den Kreationismus und das Intelligente Design [Hauptströmung des fundamentalistischen Neo-Kreationismus, z.B. im Discovery Institute in Seattle; d.Üb.] voranzutreiben.

Es bedeutet ebenso, dass missbrauchte Kinder jetzt eher berichten, traumatisiert zu sein, weil man von ihnen erwartet, dass sie traumatisiert sind. Dort wo man das Trauma lehrt, ist es ein sich selbsterfüllender Mythos geworden. Und es bedeutet ebenso, dass Kinder, die positive sexuelle Erfahrungen haben, gezwungen werden, sich deshalb schuldig zu fühlen. Ich vermute, dass es jetzt einen Grad von Selbstzensur dort gibt, wo Kiner es nicht wagen, positive Erfahrungen zu berichten. Es gibt einige tapfere Ausnahmen. Die australische Autorin Mandy Sayer erzählte einem Reporter, dass sie ihren ersten Orgasmus mit 9 Jahren hatte, als sie masturbierend beobachtete, wie ihr Vater mit einer Frau Liebe machte. Sie sah das als gänzlich positiv an.

SexualErziehung

Diese Leute haben auch Erfolg bei der Kontrolle der Sexualerziehung in den USA gehabt und fördern nur eine Einstellung von Abstinenz. Dieses Programm ist bemerkenswert für das, was es versäumt, Kindern beizubringen, und einige Programme werden sogar beschuldigt, Fehlinformation zu verbreiten. Es geht nicht darum, Kinder zu beschützen, sondern es geht um das Beschützen des Mythos vom unschuldigen Kind. Dies hat fürchterliche Konsequenzen. Die USA haben eine hohe Rate an Schwangerschaften von Teenagern, achtmal höher als Holland (Schweden hat ebenfalls eine niedrige Rate). Holland hat ein liberales Programm der Sexualerziehung, wohingegen die USA schon immer ein sehr konservatives System der Sexualerziehung hatte. Die Zahlen lassen vermuten, dass sexuelle Unkenntnis ein Hauptverursacher der hohen Rate an Schwangerschaften von Teenagern ist. Sogar noch ernsthafter ist die Vermutung, dass das Vorkommen von sexuell übertragenen Krankheiten unter US-Teenagern sich erhöht hat, weil man ihnen gesagt hat, dass Kondome unwirksam seien.

In meiner Sicht ist die religiöse Rechte moralisch nachlässig. Sie stellen das Überleben eines Mythos über die wirklichen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. Wenn sie wirklich daran interessiert wären, das Problem von Pädophilie und Kindesmissbrauch zu beenden, müssen sie das Problem im Keim ersticken. Das wird erreicht, wenn man absichert, dass Paraphilia und Phobien zu Beginn nicht entstehen können. Das wird aber leider die Zurückweisung von sexuell negativen Haltungen einschließen, die das Problem verursachen, Haltungen, die ein zentrales Komponent in ihrem Moralprogram formen – Sex ist eine Sünde (außer wenn er in einer von ihnen anerkannten Ehe durchgeführt wird). Ich pflege zu argumentieren, dass sie in der Tat moralisch inkompetent sind und dass ihnen jede Form von moralischer Autorität abgesprochen werden sollte.

Homosexualität und AIDS

Das möchte ich nur im Vorübergehen erwähnen, weil die politischen Machenschaften der religiösen Rechten in Bezug auf die Sexualität eine ausgedehnte Anzahl von Themen abdecken, von der Zensur bis zu einem Angriff auf die Sexualwissenschaft selbst. Doch wo sie den meisten Schaden und auch den Tod verursacht haben, das ist in ihrer Haltung gegenüber Homosexualität und Aids. Jahrzehntelang hat die religiöse Rechte gegen die Aids-Aufklärung wegen ihrer Verbindung mit der Homosexualität Kampagnen geführt. Dieser moralische Rückschlag hat politische Unterstützung und teilnehmende notwendige Forschung verhindert. Doch jetzt ist sie von einem Argument um die Homosexualität zu einem Argument um heterosexuelle Promiskuität gewechselt, besonders in der Dritten Welt. Die religiöse Rechte hat Kampagnen gegen die Anwendung von Kondomen zur Verhinderung von Aids geführt und hat stattdessen nutzlose Abstinenzprogramme vorangetrieben.

Ich möchte kein Blatt vor den Mund nehmen – die religiösen Rechten sind nicht nur moralisch nachlässig, sie sind ebenso gut Mörder.

Integrale sexualmoral und die kinder

Auch Kinder gehen durch einen Entwicklungsprozess. Die Erste Anweisung argumentiert, dass ihr Entwicklungspotenzial bei jedem möglichen Schritt gefördert werden sollte. Das Entwicklungspotenzial schließt die Sexualität mit ein. Kindern muss es gestattet sein, ihr volles sexuelles Potenzial zu verwirklichen, während sie zum Erwachsenenalter heranreifen. Eine integrale Sexualwissenschaft muss sorgfältig verstehen, wie Paraphilia und Phobien entstehen und muss eine Erziehung für diese Prozesse vorantreiben. Es ist klar, dass unerwünschte sexuelle Beachtung und Missbrauch Phobien und verwandte Paraphilia verursachen können. Einige missbrauchte Kinder werden so weit kommen, selbst Missbrauchstäter zu werden. Angenehme Erfahrungen in Probleme zu verwandeln und Bemerkungen von Sünde und Schuld anzuheften, kann jedoch ebenfalls Phobien und Paraphilia entstehen lassen.

Ich glaube, dass eine integrale Sexualmoral ein dramatisches Umdenken darüber erfordert, wie wir Kinder großziehen und erziehen. Einige Leser mag es erstaunen zu hören, dass einige anfängliche Studien zeigen, dass Kinder, die als Naturalisten aufwachsen, ein besseres Körperbild und eine weniger problematische Haltung gegenüber dem Sex haben. Andere Studien haben gezeigt, dass Kinder, die an einer umfassenden Sexualerziehung teilgenommen haben, beim moralischen Denken besser abschneiden als Kinder, die das nicht hatten. Kenntnisse ziehen mit Weisheit gleich.

Es sieht so aus, als würde das verwirrte moralische Denken über das Thema Sex, das von der religiösen Rechten vorangetrieben wird, tatsächlich viele Kinder davon abhalten, in ihrem eigenen moralischen Denken voranzukommen. Das ist verständlich – wie kann ein konventioneller sexueller Moralkodex dem postkonventionellen sexuellen Moraldenken Vorschub leisten ? Viele Erwachsene und Eltern werden es für schwierig halten, den Kindern ein Maß an Freiheit beim sexuellen Ausdruck zu gestatten. Die Idee vom unschuldigen Kind ist ein tief verwurzelter Mythos. Wie viele Erwachsene würden sich wohlfühlen bei einem sexuell aktiven und kenntnisreichen Kind oder einem Jugendlichen ? Eine integrale Sexualmoral verlangt jedoch, dass diese Befürchtungen und Bedenken sorgfältig analysiert werden. Was muss da wirklich befürchtet werden ? Was will man wirklich beschützen ?

Die religiöse Rechte hat immer behauptet, dass das Erziehen von Kindern sie einfach zum Ausprobieren führen wird. Das ist bloß Panikmache. Ich erwähnte oben, dass sowohl Holland wie auch Schweden eine umfassende Sexualerziehung haben, sie haben ebenso sehr niedrige Schwangerschaftszahlen bei Teenagern und entsprechend niedrige Raten von sexuell übertragenen Krankheiten. Einige beginnende Forschungen hat gezeigt, dass schwedische Teens ihre Erfahrung des ersten Geschlechtsverkehrs auf ein Jahr später als die englischen Gleichaltrigen verschieben. Dieser Prozess widerspricht der Erwartung. Je mehr Kinder verstehen, desto klüger sind ihre Entscheidungen. Es sind die sexuell unwissenden Kinder, die in einen frühen Konflikt kommen (besonders das Mädchen – als diejenige, die schwanger werden kann, muss sie vor der Einsetzung der Regel genaue Information bekommen). Vielleicht können wir vermuten, dass diejenigen, denen man gesagt hat, sie könnten, es nicht tun, und diejenigen, denen man gesagt hat, sie dürften nicht, es dann tun.

Es ist auch wichtig, sich an die unterschiedlichen Skalen des Verhaltens zu erinnern. Wenn man Kindern beibringt, dass es eine breite Unterschiedlichkeit des Ausdrucks, der sexuellen Persönlichkeit, einschließlich dem asexuellen Desinteresse gibt, dann werden sie besser dem Druck der Peergruppe widerstehen können, auf eine vorgegebene Weise zu handeln. Ein kürzliches Gutachten über australische Teenager sagte aus, das was sie am meisten bei der Sexualerziehung zu lernen wünschten, ist über Gefühle und wie man mit Beziehungen umgehen soll. Sexualerziehung sollte eine Spannweite von moralischen Themen umfassen, die der gegebenen Entwicklungsgruppe entsprechen (und das Verständnis von sowohl ‚anerkannten' als auch ‚umstrittenen' Kategorien). Ich glaube, dass die grundlegenden physiologischen Tatsachen in einem jungen Alter gelehrt werden können, zur gleichen Zeit, wenn die grundlegende Physiologie normalerweise unterrichtet wird. Wenn dann das Kind in die Pubertät und frühe Adoleszenz eintritt, sollte der Fokus auf das Behandeln von Beziehungen, das Verstehen von Verlangen und das Tolerieren von Unterschieden gerichtet werden. Es wäre in der Tat klug, den Namen Sexualerziehung fallen zu lassen und sich dabei auf ‚Lebensfähigkeiten' zu beziehen oder auf etwas Ähnliches – mit dem sexuellen Verlangen ins Reine zu kommen, ist dann gerade eine von vielen ‚Lebensfähigkeiten'. Indem man ein getrenntes Programm der Sexualerziehung hat, wird das Thema isoliert und integriert es deshalb nicht – das Gegenteil dessen, was wir wollen. Sex sollte nicht eine große Sache sein.

Schlussbemerkung

Diese allzu knappe Übersicht hat bloß die Möglichkeit einer integralen Sexualwissenschaft eröffnet. Wir haben Typen, Quadranten und einige Entwicklungslinien diskutiert, die die Sexualität beeinflussen.

Wir haben ebenso entdeckt, dass es wirklich kein 'normal' gibt, doch anstatt dass es uns zu einem moralischen Nihilismus führt, haben wir eine integrale Sexualmoral entdeckt, die auf der Ersten Anweisung basiert.

Wir haben auch entdeckt, dass Sexualität ein wichtiger Aspekt sowohl des Geistes als auch der Seele ist und dass sexuelle Pathologie zu ernsthaften Entwicklungsproblemen führen kann.

Wir haben ebenfalls entdeckt, dass Gesellschaften sexuell negativ oder sexuell positiv sein können. Wenn ich meine Position dabei noch nicht perfekt klar gemacht habe, ist es jetzt an der Zeit, das zu tun. Spirituelle Entwicklung wird am besten in einer sexuell positiven Gesellschaft realisiert. Sexuell negative Haltungen und Religionen, die sexuell negative Haltungen verewigen, verewigen ebenso sexuelle Pathologien jeder Art. Eine der erstaunlichsten (und kriminellen) Ironien unserer Zeit ist, dass die katholische Kirche (sowie mit anderen Bekenntnissen), die eine sexuelle Moral stark befürwortet haben, sich als die größte Quelle von pädophilem Kindesmissbrauch erwiesen haben. In meiner Sicht haben sie jede moralische Glaubwürdigkeit verloren.

Christliche Moral ist nicht die Lösung, sie ist das Problem.

Ich habe in anderen Essays argumentiert, dass die Erste Anweisung (prime directive) eine aktivistische Antwort aus der integralen Gemeinschaft verlangt. Ich habe früher argumentiert, dass sich dies besonders auf die Themen der sozialen und ökonomischen Gerechtigkeit bezieht.

Es bezieht sich ebenso auf das Gebiet der Sexualität. Ich glaube, dass eine integrale Theorie logischerweise die Schaffung einer sexuell positiven Gesellschaft erfordert und die Zurückweisung und Auslöschung aller sexuell negativen Ideologien und Haltungen.

Ray Harris, March, 2006

Bemerkung: die folgenden Links enthalten einige wichtige Papiere über das Thema der Kindersexualität und das Thema des Kindesmissbrauchs. Es lohnt sich, sich die Zeit zum Lesen zu nehmen. Sie sind in fetter Kursivschrift hervorgehoben.

References/Further Reading

  1. Havelock Ellis
  2. Bronislaw Malinowski
  3. World League for Sexual Reform
  4. Magnus Hirschfeld
  5. The Kinsey home page. also Alfred Kinsey
  6. Masters and Johnson
  7. For a thorough survey of ethnographic material see The International Encyclopedia of Sexuality
  8. The Universality of Incest
  9. Paraphilia
  10. Trobriand Islands
  11. See Integral Psychology – comparative chart
  12. Jung, from 'The Archetypes and the Collective Unconscious'
  13. For a comprehensive overview see Child Sexual Development -- includes an overview by age.
  14. For an in depth examination of child sexual development I highly recommend The Sexual Curriculum from the Growing Up Sexually website.
  15. For an excellent overview see this article by Shani D'Cruze Protection, harm and social evil
  16. Ephebophilia
  17. Elaine Pagels
  18. The APA article, A Meta-analytic analysis of assumed child abuse. For a discussion of this issue see Politically incorrect - scientifically correct ***
  19. Archives of Sexual Behaviour
  20. Judith Levine has explored this issue in Harmful to Minors – note this link includes a Q&A with Levine