INTEGRAL WORLD: EXPLORING THEORIES OF EVERYTHING
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Ray Harris Ray Harris ist ein regelmäßiger Mitarbeiter bei dieser Webseite. Er hat Artikel geschrieben über den 11. September, Boomeritis, den Irakkrieg und die Politik des dritten Weges. Harris lebt in Australien und kann kontaktiert werden bei: rharris6@bigpond.net.au . Nach meiner Meinung wäre der Nahe Osten ein vorrangiges Fallbeispiel für die integrale Theorie, doch es wurden noch nicht viele Beiträge zu diesem Thema aus dieser Perspektive geschrieben. Deshalb hatte ich Ray schon seit langem gebeten, über seine Ansichten vom Problem des Nahen Ostens zu schreiben. Dies ist seine Antwort auf meine Bitte.

Integrale Bemerkungen
über den israelisch/
arabischen Konflikt

Ray Harris

Dementi: Ich mache diese Kommentare mit einiger Zurückhaltung. Dieser Konflikt ist bitter und jeder, der dazu Stellung nimmt, begegnet einem persönlichen Angriff. Deshalb möchte ich die Leser ansprechen, die auf diesen Artikel von außerhalb der integralen Gemeinschaft kommen – dieser Artikel wird voraussetzen, dass sie mehr als ein vorübergehendes Verständnis vom Ausmaß der integralen Theorie haben und von meinem Schreiben auf dieser Seite. . Ich werde keine Kritik von außerhalb der integralen Gemeinschaft beantworten, einfach weil solch ein Austausch oft als Gegenbeschuldigungen endet, die zu persönlichem Missbrauch herabsinken (obschon ich gern nachweisbare Tatsachen-Korrekturen annehmen möchte.)

In ' Blutsbruderschaften ' (2002) habe ich angedeutet, dass die Wurzel des Terrorismus nicht Armut oder sogar der Zugang zu Land sei – vielmehr ist es meistens die Behauptung von Identität. Der israelisch/arabische Konflikt ist komplex: es sind eigentlich mehrere Konflikte, die durch alle Quadranten und Ebenen hindurch gekämpft werden. Jedoch im wesentlichen ist er, so glaube ich, ein Konflikt zwischen widerstreitenden Traditionen von Identitäten – kurz: wenn du existierst, dann kann ich nicht existieren.

Alle Seiten ergehen sich in solch einer ausschließenden Logik und um den Konflikt zu verstehen, müssen wir die widerstreitenden Traditionen verstehen und dass die Extreme jeder dieser polarisierten Positionen sich weigern, die Tradition der Gegenseite zu akzeptieren. So weigern sich die Araber, den jüdischen Anspruch auf das Gebiet anzuerkennen und die Juden weigern sich, die arabischen und muslimischen Ansprüche anzuerkennen. Die Zionisten hatten einen Ausspruch: ‚ein Land ohne Menschen für Menschen ohne Land’. Das hätte keine verhängnisvollere Behauptung sein können und eine, die unter Garantie jeden Bewohner von Palästina angriff, einschließlich nicht-arabischer Mitglieder von religiösen Minderheiten (die es verdienen, erwähnt zu werden). Gleichermaßen ist der Gegenanspruch, dass die Juden überhaupt keinen rechtmäßigen Anspruch auf das Land haben, genauso offensiv und verheerend.

Von einer integralen Perspektive ist es wichtig, dass wir die Traditionen aller Interessensvertreter verstehen. Ich kann hier nur eine Kurzfassung geben und ich entschuldige mich, wenn die Kürze zu Auslassungen führt.

Die Geschichte der Juden

Es gibt zwei jüdische Haupttraditionen, die religions-kulturelle und die historische. Die religions-kulturelle ist gut bekannt und wird in der Torah dargestellt. Sie erzählt von einem Volk, das in Ägypten in Gefangenschaft gehalten und das durch den Propheten Moses befreit wurde, der es dann in ein Verheißenes Land führte. Juden feiern dieses Ereignis in der ganzen Welt als Passah. Diese religions-kulturelle Tradition betont ein Bemühen, eine ausschließliche Identität aufrechtzuerhalten und bezieht den Kampf gegen interne Zersetzung ein (durch das Anbeten falscher Götter) und die Invasion von äußeren Mächten, einschließlich einer wichtigen Periode des Exils in der Gewalt der Babylonier. Der wichtige Punkt hier ist, dass das für einen Juden eine Geschichte eines gewaltigen Kampfes ist, eine Heimat zu finden und zu behaupten. Die Wichtigkeit dieser Tradition für die Juden zu verleugnen, bedeutet ihre Identität zu entwerten.

Neuerliche historische Forschung stellt die religions-kulturelle Tradition in Frage, doch sie lehnt den historischen Anspruch der Juden auf das Gebiet nicht ab. Die Forschung deutet darauf hin, dass die antiken Hebräer einer von mehreren semitischen Stämmen in der Region waren, deren Ursprünge bis in die späte Neusteinzeit zurückverfolgt werden können. Kurz gesagt: sie sind Einheimische. Durch einen Prozess der Invasion und Differenzierung (einschließlich des Sieges über widerstreitende Stämme durch äußere Eindringlinge) gewannen die Hebräer an Bedeutung. Der Rest ist Geschichte, wie sie sagen und dort stimmt die religions-kulturelle mit der anerkannten historischen Tradition überein. Während die Geschichte einen Zweifel auf die Existenz von Abraham und Moses werfen könnte, leugnet sie nicht, dass im Jahr 66 unserer Zeitrechnung die Römer Jerusalem zerstörten, was zur Diaspora führte. Innerhalb der jüdischen Tradition wurde das als eine weitere Periode des Exils verstanden, die immer die Hoffnung einbezog, dass sie genauso wie sie in das Verheißene Land aus dem Exil in Ägypten und Babylonien zurückkehrten, aus dem Exil in der Diaspora zurückkehren würden. Die zentrale Feier des jüdischen Kalenders Passah markiert diese Hoffnung.

Es kann keinen Zweifel geben, dass das Land von eretz yisrael , die Stadt Jerusalem und der Tempelberg von entscheidender Bedeutung für die jüdische Identität sind.

Die Geschichte der Christen

Wiederum werde ich nicht ins Detail gehen, weil die meisten diese Geschichte kennen, es ist jedoch erwähnenswert, dass seit der Zeit Jesu verschiedene arabische und nicht-arabische Gemeinschaften einen Anspruch auf das Land erhoben und Gemeinden errichtet haben, die berühmtesten davon sind die armenischen Christen in der Altstadt von Jerusalem.

Seit der frühesten Zeit haben Christen Pilgerreisen in das Heilige Land unternommen. Innerhalb der christlichen Tradition waren die Kreuzzüge ein Versuch, die Heilige Stadt von den fremden Eroberern zurückzuerobern, die die christlichen Pilger besteuerten und einschränkten. Es muss daran erinnert werden, dass die Region seit 63 vor unserer Zeitrechnung unter der Kontrolle des Römischen Reiches stand. Als das Reich sich in eine westliche und eine östliche Sphäre aufspaltete, wurde Jerusalem vom Byzantinischen Reich beherrscht, das sich von einem heidnischen in ein christliches Reich mit Sitz in Konstantinopel gewandelt hatte.

Hier müssen wir bemerken, dass die christliche Tradition darauf hinauslief, ein resolutes Verleugnen der jüdischen Tradition einzubeziehen. Die Botschaft Jesu wurde für großartiger gehalten als die jüdische Botschaft und als daher die Juden die christliche Tradition missachteten, dass Jesus der Messias war, beschuldigten die Christen die Juden, ihn getötet zu haben. Das führte zu beträchtlicher gegenseitiger Feindseligkeit, die zu Gewalt von beiden Seiten führte. Während der Kreuzzüge wurde Tausende Juden in Jerusalem ermordet.

Die Geschichte der Muslime

Der Koran beruht stark auf dem Vermächtnis Abrahams. In den Anfangstagen in Mekka pflegte Mohammed mit der Blickrichtung auf Jerusalem zu beten. Während der Nachtreise wurde Mohammed vom Erzengel Gabriel aufgetragen, auf einem magischen Hengst namens Baraka nach Jerusalem zu reisen. An der Stelle, die ‚die entfernte Moschee’ genannt wurde ( al-aqsa ) auf dem Tempelberg stieg Mohammed zum Himmel auf, wobei er an früheren Propheten auf niederen Stufen vorbeigeht und neben Gott im höchsten Himmel sitzt (das wird nicht im Koran im einzelnen aufgeführt, sondern kommt im Hadith vor).

Die muslimische Tradition umfasst den Glauben, dass die Juden von Medina Mohammed verraten haben. Es gibt einen Widerspruch in der muslimischen Tradition zwischen Mohammeds früherem Respekt vor der jüdischen Kultur und seinem späteren Konflikt mit den jüdischen Stämmen. Einerseits gibt es Respekt vor den Juden als ‚Volk des Buches’, andererseits gibt es Verachtung und Misstrauen gegenüber den Juden als Verräter.

Innerhalb der muslimischen Tradition ist Mohammed der letzte und vollständigste der Propheten. Das bedeutet, dass die muslimische Tradition alle früheren Traditionen übertrifft. Wenn man Mohammed als einen wahren Propheten akzeptiert, dann ist man durch eine Logik einer gottgegebenen Überlegenheit gebunden, genauso wie Christen und Juden durch ihren Glauben an Überlegenheit gebunden sind.

Muslime eroberten Jerusalem sehr kurz nach Mohammeds Tod im Jahr 638. Um den muslimischen Anspruch auf die Heilige Stadt zu feiern, baute der Umayyad Kalif Abd al-Malik (685-705) den berühmten Felsendom ( as-Sakhra ), der über dem Fundament von Salomons Tempel steht. Muslime betrachten das Gebiet des Doms und die al-Aqsa-Moschee als ihre drittheiligste Stätte (und die Juden als ihre heiligste). Unter einigen muslimischen Herrschern wurde den Juden erlaubt, das Gebiet des Doms und der al-Aqsa-Moschee zu verschiedenen Gelegenheiten und zur Anbetung am Felsen zu betreten, doch zu anderen Zeiten wurde ihnen jeder Zugang untersagt (heute wird ihnen der Zugang untersagt).

Widerstreitende Traditionen

Steht man außerhalb von allen drei Traditionen, dann bemerkt man, dass jede auf einer fundamentalen Negation der anderen basiert. Diese sind Traditionen, die im Wettstreit liegen und sie sind ebenso Traditionen, die den Gebrauch von Gewalt rechtfertigen, um Herrschaft über die anderen zu gewinnen. Der Felsendom wurde gebaut, um die Skyline von Jerusalem zu beherrschen. Seine Erbauer entwarfen ihn, um den langersehnten jüdischen Dritten Tempel zu ersetzen. Mit anderen Worten kann das als Aussage eines von einem Eroberer geäußerten religiösen Überlegenheitsgefühl gelesen werden. Auf seinen östlichen und südlichen Toren befinden sich Kupferplatten, die den Islam über das Christentum setzen. Selbstverständlich erkennen die Juden die Rechtmäßigkeit des Doms nicht an und religiöse Juden haben Pläne, ihn und die al-Aqsa-Moschee zu zerstören und den Dritten Tempel wiederaufzubauen, und Muslime haben Pläne, jeden dieser Versuche gewaltsam abzuwehren (wenn es versucht würde, wäre die gesamte muslimische Welt in Aufruhr).

Leider gibt es keine Lösung für derartig ausschließende Traditionen. In integralen Ausdrücken müssen sie transzendiert werden. Ich würde jedoch argumentieren, dass die Frommen aller Glaubensrichtungen ihre Tradition nicht transzendieren können, weil sie damit nämlich ihren ausschließenden Anspruch auf die Wahrheit verleugnen würden und sie werden (gewaltsam) gegen jedweden solcher Versuche Widerstand leisten. Was wir tatsächlich zur Zeit sehen, ist die Zurückweisung von Synkretismus und Modernität durch Fundamentalisten aller drei monotheistischen Bekenntnisse.

Propaganda

Um ihre religiösen und politischen Ansprüche voranzutreiben, muss jede Seite des Konflikts die Traditionen der anderen verleugnen. Der vielleicht bösartigste Aspekt dieses Konflikts ist der verworrene Propagandakrieg, in dem jede Seite (und da gibt es viele) versucht, die Rechtmäßigkeit der widerstreitenden Traditionen abzustreiten. Das geschieht auf mehrere Arten.

  1. Historische Entstellung
  2. Versuche, die Definition von Rechtmäßigkeit* zu definieren
  3. Den anderen dämonisieren.
  4. Einen besonderen Opferstatus beanspruchen

*Eine Schwierigkeit in diesem Konflikt ist, dass jede Seite eine unterschiedliche Definition von Rechtmäßigkeit hat. Daher sagen die Juden, sie hätten einen primären historischen Anspruch auf das Land, wohingegen die Araber sagen, das Recht der Eroberung verneine diesen Anspruch. Das Problem ist, dass es keine ‚objektive’ Basis gibt, auf der man die widerstreitenden Ansprüche beurteilen könnte und Menschen wählen oft die Seiten aus, die auf einer subjektiven Beurteilung beruhen hinsichtlich der Bewertungen für die Rechtmäßigkeit der einzelnen Ansprüche. Weshalb annulliert Eroberung einen Anspruch eines angestammten Besitztums? Wie lange sollte ein Eroberungsvolk in einem Land bleiben, um Rechtmäßigkeit zu beanspruchen? Gelten diese Regeln auch in anderen strittigen Regionen, z.B. Kashmir und Tibet?

Jede objektive Analyse des Konflikts muss Kenntnis von der Propaganda jedes der Widersacher haben. Leider scheint es nur sehr wenige zu geben, die das tun können. Der Konflikt ist auf nicht-teilhabende Unterstützer weltweit ausgedehnt worden, die sich auf eine Seite geschlagen haben. Deshalb beziehen die Propaganda-Kriege Beschuldigungen von ‚jüdischen Lobbys’ und ‚arabischen Lobbys’ mit ein. Das unterliegt nicht der normalen links/rechts Dichotomie, weil es pro-israelische und pro-arabische Linke, Gemäßigte und Rechte gibt. Leider ist dieser Propaganda-Krieg bösartig und beide Seiten befördern die verleumderischsten Propaganda-Typen. Die arabische Welt ist die letzte Bastion der diskreditierten Verschwörungstheorie ‚Die Protokolle der Weisen von Zion’, einschließlich der infamen ‚Blut-Verleumdung’ (ja, leider glauben einige Araber wahrhaftig, dass die Juden Kinder opfern.)

Eine integrale Antwort

Nun, was machen wir damit? Können wir etwas tun? Letztenendes müssen wir alle eine Beurteilung abgeben, welche integralen Prinzipien sollten deshalb diese Beurteilung führen? In meinen gesamten Schriften betone ich die Erste Direktive, dass die integrale Theorie Lösungen anfordert, die das größte Entwicklungs-Potenzial für die größte Anzahl zulassen. Das bedeutet, dass wir die Lösung unterstützen, die die beste Chance bietet, der Ersten Direktive die Ehre zu erweisen.

Hier an diesem Punkt möchte ich aus der Illusion von Objektivität heraustreten. Ich kann fortfahren, in einem passiven und pseudo-objektiven Stil zu schreiben, der vorgibt, alle Seiten des Arguments sorgfältig zu sichten, doch wir wissen alle (als gute Vertreter der Postmoderne), dass alles ohnehin subjektiv und intersubjektiv ist. Tatsächlich ist dieser Konflikt ein Konflikt von vielfältigen Subjektivitäten und Intersubjektivitäten. Wir können vielleicht bei gewissen Tatsachen übereinstimmen, dass an einem gewissen Datum gewisse Dinge geschehen sind, doch was zählt, ist welche Bedeutung wir diesen Tatsachen geben.

Wo ich stehe

Ich glaube, dass die integrale Theorie die Existenz eines sicheren und erfolgreichen Israels unterstützt. Obschon ich glaube, dass das Ideal ein einziger Staat ist, wo die Widerstreitenden in Frieden und Wohlstand leben, ist doch die herbe Realität, dass die widerstreitenden Traditionen dies niemals zulassen werden. Damit die Lösung eines einzigen Staates wirken kann, muss jede Seite ihre ausschließenden Ansprüche auf die Wahrheit aufgeben.

Die Unmöglichkeit eines einzigen Staates bedeutet, dass wir nach anderen Alternativen Ausschau halten müssen, einschließlich irgendeiner Form einer Zwei-Staaten-Lösung. Doch hier stoßen wir hart auf eine weitere herbe Realität. Ich glaube: bei der gegenwärtigen Lage der Dinge wird jeder neue palästinensische Staat schnell zu einem verfehlten Staat werden, der in einen Bürger- und Sektierer-Krieg wie im Irak herabsinken wird.

In ' Der Feind meines Feindes ist mein Freund' (2003) habe ich argumentiert, dass der Irakkrieg in einen Sektierer-Konflikt herabsinken wird, leider ist das nun der Fall. Ich mache die gleiche Vorhersage für jeden zukünftigen palästinensischen Staat. Es ist jetzt fast schon der Fall, wenn Hamas-Kämpfer gegen Fatah-Kämpfer in offenen Gefechten in den Straßen kämpfen und wenn palästinensische Christen aus den besetzten Gebieten in zunehmender Anzahl fliehen auf Grund der Verfolgung durch fundamentalistische Muslime. Der populäre Wahlsieg der islamistischen Hamas-Partei hat dem Anschein nach jede Hoffnung auf ein demokratisches, säkulares Palästina zerstört. Und hier muss ich nachfragen, wenn es keinen säkularen, demokratischen palästinensischen Staat geben kann, was ist dann Sache?

Ich glaube, dass dieses Ergebnis leider gänzlich vorhersagbar war, nicht wegen des angeblichen neo-kolonialistischen Einflusses einer angeblichen Zionisten/US-Verschwörung, sondern aus völlig internen Gründen. Und zwar deshalb, weil es niemals eine geeinte palästinensische Identität gegeben hat.

Palästina war sicherlich besetzt; es war nicht, wie einige Zionisten behaupten, ‚ein Land ohne Menschen’, doch jene Menschen waren enorm verschiedenartig, getrennt durch Stammes- und Sektierer-Zugehörigkeiten mit wenig Gefühl für eine nationale Identität. Unter dem osmanischen Reich bestand das moderne Palästina aus vier getrennten Provinzen. Was da an nationaler Identität besteht, wurde aus einem gemeinsamen Ziel des Widerstandes gegen die jüdische Einwanderung und die Schaffung eines abgetrennten jüdischen Staates geschmiedet.

Die Zielsetzungen des arabischen Widerstands haben sich ebenfalls geändert. Vor der Gründung Israels war der Widerstand Teil einer pan-arabischen Bewegung, wodurch die palästinensischen Gebiete in einen größeren arabischen Staat einbezogen werden sollten, der Syrien, Jordanien und Ägypten (und andere) umfassen würde. Während des arabisch/israelischen Krieges von 1948 waren die verschiedenartigen angreifenden arabischen Armeen fest entschlossen, Israel/Palästina für sich selbst als Region abzustecken (Jordanien gewann die Kontrolle von Ost-Jerusalem, einschließlich der Altstadt, bis 1967). Mit anderen Worten wurde jedes Gefühl für eine palästinensische Einheit aus negativen eher denn aus positiven Gründen geschaffen.

Sobald ein palästinensischer Staat ausgerufen würde, wird er nach meiner Meinung in einem Machtkampf auseinander brechen zwischen lange bestehenden Stammes- und Sektierer-Rivalitäten, mit äußeren Mitspielern wie Syrien, Jordanien und Ägypten, die versuchen werden, Einfluss auszuüben. Die Hamas hat gesagt, dass es ihr Langzeitziel sei, Palästina als einen Teil eines sunnitischen, islamistischen, pan-arabischen Kalifats werden zu sehen – die Shia und säkulare Nationalisten werden sich dem natürlich widersetzen.

Ein weiteres Beispiel dieser Sektierer-Rivalität ist der Zustand der Drusen innerhalb Israels. Während des arabisch/israelischen Kriegs von 1948 verbündeten sich die Drusen mit den Juden und kämpften an ihrer Seite. Daraufhin sind die Drusen die einzigen Nichtjuden, denen es gestattet ist, in den IDF [israelische Verteidigungskräfte; d.Übs.] zu kämpfen, wo viele Berufssoldaten geworden sind (und jüdische Rekruten kommandieren). Weshalb sollten sie das tun? Weil zu jener Zeit der arabische Widerstand von sunnitischen Arabern dominiert wurde und sie verfolgten traditionell die Drusen.

Doch es gibt eine weitere richtungsweisende Veränderung, die unter den Christen geschehen ist. Aufgrund der historischen Feindseligkeit zwischen Juden und Christen haben sich viele palästinensische Christen mit den muslimischen Arabern gegen die Juden zusammengetan (obschon manche sagen, sie hätten das nur getan unter der Gewaltandrohung durch sunnitische Araber). Gemäß dem muslimischen Argwohn gegenüber der christlichen Loyalität und den widerstreitenden Traditionen sehen palästinensische Christen einer zunehmenden Verfolgung von Seiten fundamentalistischer Sunniten entgegen. Zur gleichen Zeit, wie die Christen aus den besetzten palästinensischen Gebieten fliehen, steigt die christliche Bevölkerung Israels an.

Der Wahlsieg der Hamas ist ein weiterer Hinweis auf den Zusammenbruch des palästinensischen Traums. Die Hamas sind sunnitische Fundamentalisten, die ein Teil der muslimischen Bruderschaft sind. Ihr politisches Ziel ist es, einen islamistischen Staat einzurichten. Es gibt muslimische Verfechter der Vorherrschaft, die schließlich darauf abzielen, säkularistische und sektiererische Rivalen (Ismaeli und Shia) auszuschließen.

Auf dieser Stufe wird die Tatsache, dass die Hamas demokratisch gewählt wurde, gewöhnlich als eine Rechtfertigung erhoben – es war der Wille des Volkes. Das ist wahr, doch ich würde argumentieren, dass Demokratie wirklich eine bürgerliche Gesellschaft bedeutet, die die Begriffe von Rechten und Freiheiten einbezieht, die sich auf die gesamte Gesellschaft ausdehnen, von den lokalen Vereinigungen zu den internationalen Absprachen. Die muslimische Bruderschaft hat kein Geheimnis daraus gemacht, die Demokratie als un-islamisch zu kritisieren und sie haben bekundet, dass sie einerseits gerne demokratische Mittel benützten, um an die Macht zu kommen, dass sie andererseits, sobald sie an der Macht sind, alles daran setzen wollten, die Demokratie abzulösen zugunsten eines islamistischen totalitären Kalifats. Es scheint sonderbar zu sein zu behaupten, dass der Wahlsieg einer resolut anti-demokratischen Gruppe ein Beispiel für eine funktionierende Demokratie sei (ich vermute, dass der Wahlsieg Hitlers eine demokratische Aktion war?).

Mit dem wahrscheinlichen Kollaps eines palästinensischen Staates ist die Option, die am besten der Ersten Direktive dient, ein sicherer israelischer Staat und gerade hier sehen wir einer weiteren lästigen Wahrheit entgegen. Die israelische Gesellschaft hat eine größere Entwicklungsspanne als die traditionelle arabische Kultur, die sie ersetzte. Unter arabischer Herrschaft besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass diese Enwicklungstiefe schließlich verloren geht.

Ich verstehe, dass diese Feststellung wahrscheinlich einige angreift. Wie steht es um die Unterdrückung von Palästinensern durch den israelischen Staat? Verkrüppelt das mit Sicherheit ihre Entwicklung? Ich stimme zu, sie tut es. Die Erste Direktive verlangt jedoch Wachstum für die größte Anzahl, nicht nur für eine ausgewählte Gruppe.

Genauso wie es widerlich ist, ein Volk zu unterdrücken, gibt es da wohl keine Wahl, wenn die Freiheit jener Gruppe bedeutet, dass eine sogar größere Anzahl von Menschen leidet. Während Palästinenser fortfahren, politische Gewalt bereitwillig anzunehmen, haben ihre Nachbarn (einschließlich palästinensische Minderheiten) keine Wahl, als zu versuchen sich zu verteidigen. Solange eine bedeutende Prozentzahl von Palästinensern die Zerschlagung des israelischen Staates unterstützt, welche Wahl haben dann die Israelis? Deshalb ist die Streitfrage nicht wirklich, dass Israel ein Recht hat, sich zu verteidigen, sondern wie es dieses Recht ausübt. In diesem Fall gibt es keine richtige Antwort auf die subjektive Frage nach dem Grad. Einige werden argumentieren, dass Israel zu weit gehe und andere sagen, nicht weit genug. Wo ist der Punkt des Ausgleichs und wer ist weise genug, das zu wissen (wir alle haben das Wissen der unbeteiligten Zuschauer)?

Hier kommen wir zu einer weiteren lästigen Wahrheit, die für die Erste Direktive relevant ist. Während Länder wie Jordanien den Juden die Staatsbürgerschaft versagen, hat Israel einen bedeutenden Prozentsatz an nicht-jüdischen Bürgern. Diese Bürger haben die meisten der gleichen Rechte wie jüdische Israelis (sie sind vom Staatsdienst ausgeschlossen) und während es Diskriminierung gibt (und Juden werden in arabischen Ländern diskriminiert) haben arabische Israelis einen höheren Lebensstandard als ihre Nachbarn und haben größere Entwicklungsmöglichkeiten.

Mit anderen Worten: die israelische Gesellschaft gibt Arabern mehr Möglichkeit als arabische Staaten ihren eigenen Bürgern geben, damit dienen sie besser der Ersten Direktive. Ich wurde daran erinnert durch einen neuerlichen Filmbericht, der die Geschichte eines arabisch-israelischen Mädchens namens Shadya erzählte, die eine Meisterschülerin in Karate und Teil des israelischen Teams war. Da gab es keine Andeutung, dass die Tatsache, dass sie eine Muslima ist, ihre Position im Team beeinflusste (sie vertrat Israel in internationalen Wettkämpfen). Leider endete ihre Karriere, als sie heiratete und Druck auf sie ausgeübt wurde von ihrem älteren Bruder und ihrem Ehemann (ihr Vater hat ihr Karate sehr unterstützt), sich den muslimischen arabischen patriarchalen Erwartungen anzupassen, dass sie zu Hause zu bleiben und ihrem Mann das Essen zu kochen habe.

Natürlich ist eine der Beanstandungen gegenüber Israel, dass es darauf beruht, eine israelische Mehrheit aufrecht zu erhalten. Ich wäre diesem Argument eher zugeneigt, wenn diejenigen, die es vorbringen, widerspruchslos moralisch wären. Wenn dieses Argument vorgebracht werden muss, dann muss es ebenfalls gegen mehrere muslimische Länder vorgebracht werden, die Nicht-Muslimen Beschränkungen auferlegen. Tatsächlich müsste ein solches Argument eine Kampagne gegen die unerhörtesten Beispiele verlangen. In diesem Fall sollte der Blick zuerst auf Saudi-Arabien gerichtet werden, das Nicht-Muslimen überhaupt keine Staatsbürgerschaft zubilligt und das die öffentliche Ausübung jedweder nicht-muslimischen Religion verbietet. Im Vergleich mit vielen muslimischen Ländern in der Region ist Israel ein Vorbild für Religionsfreiheit. Viele Juden sind tatsächlich weltlich und manche sind sogar Buddhisten.

Doch das geht sogar noch weiter als das. Die Masseneinwanderung von Juden ließ die palästinensische Wirtschaft einen Aufschwung erleben und das kam weitgehend ortsansässigen Arabern zugute (obschon einige benachteiligt wurden, besonders im landwirtschaftlichen Sektor – doch das geschieht, wenn Einwanderer Arbeiter in gewissen Sektoren ersetzen, egal in welchem Land, zum Beispiel in den USA bei mexikanischen Einwanderern und in Europa bei Afrikanern und Arabern). Als Ergebnis gab es tatsächlich eine Welle arabischer Einwanderung in die Region und eine arabische Bevölkerungsexplosion. Dies wäre nicht geschehen, wenn es sich nicht um den Einfluss jüdischen Kapitals handelte, der vermehrte Möglichkeiten schuf.

Die verheerende lästige Wahrheit ist, dass die Palästinenser jetzt wirtschaftlich von Israel abhängig sind und ein sicheres und wohlhabendes Israel die Palästinenser begünstigt. Tausende Palästinenser gehen täglich nach Israel zur Arbeit. Wo sonst in der Welt überqueren die Bürger eines Landes täglich die Grenze, um in einem anderen zu arbeiten? Die Situation der wirtschaftlichen gegenseitigen Abhängigkeit hat zu einigen interessanten Widersprüchen geführt. Es wurde aufgedeckt, dass der Hauptzulieferer von Beton für die Trennmauer eine palästinensische Firma war, sehr zur Verwirrung der palästinensischen Amtsgewalt.

Die jüdische Einwanderung ließ einen Einfluss an Energie, Fachwissen und Talent erkennen. Die israelische Gesellschaft ist hochentwickelt und kultiviert mit großer Entwicklungstiefe. Das kommt allen israelischen Bürgern zugute, einschließlich nicht-jüdischen Bürgern, ebenso wie den Nachbarländern. Ein Beispiel ist die Erneuerung in der Landwirtschaft, die Wüste in bebaubares Land verwandelte. Israelische Gesellschaften verkaufen gerne ihr Fachwissen an die Region. Ein sicheres und wohlhabendes Israel würde nur fortfahren, seinen Bürgern und der Region zu nützen.

Die Entwicklungstiefe der israelischen Gesellschaft bedeutet ebenso, dass sie eine lebendige und engagierte Bürgerschaft hat, viele von denen nehmen sich das Recht, kritisch gegenüber der Politik der eigenen Regierung zu sein. Israel hat eine Pressefreiheit, die jede seiner arabischen Nachbarn übersteigt. Das bedeutet dann, dass es viele unabhängige Initiativen von Israelis gibt, die Probleme der Region zu lösen, einschließlich Programme von freundlichem Kontakt, die auf eine Versöhnung mit den Palästinensern zielen (ein Beispiel sind die israelischen Frauen, die israelische Grenzübergänge bewachen, um israelische Soldaten davon abzuhalten, Palästinenser zu beschimpfen). Es gibt eine sehr aktive israelische Friedensbewegung. In anderen Worten: ein guter Prozentsatz der israelischen Bevölkerung ist auf konventionellen und postkonventionellen Stufen moralischen Denkens.

Man sollte sich einmal den Betrag an wirtschaftlicher, künstlerischer und intellektueller Kreativität vorstellen, der freigesetzt würde, wenn Israel nicht so viel Zeit, Energie und Geld aufwenden müsste, um sich zu verteidigen. Die Folge des langanhaltenden Gebrauchs von politischer Gewalt durch Araber gegen jüdische Vorhaben (das begann in den 1920ern) und jüdische Gegenschläge ist das Verschwenden dieses dynamischen Potenzials.

Die Gewalt hat beide Gemeinschaften traumatisiert und das hat einen entwicklungshemmenden Druck auf beide ausgeübt. In Spiraldynamik-Ausdrücken ist das ein Abstieg von Grün/Orange zu Blau/Rot und sogar Blau/Purpur. Es ist noch schlimmer für die Palästinenser. Unter der Hamas sind viele fortschrittliche Programme aus hauptsächlich politischen Gründen zurückgefahren worden. Es sind nicht nur nicht-sunnitische Gruppen, die leiden, sondern auch Frauen, die jetzt unter Druck gesetzt werden, sich den fundamentalistischen Erwartungen anzupassen. Auf dieser Stufe ist es ebenfalls erwähnenswert, dass Israel eine aktive homosexuelle Subkultur hat (trotz Widersprüchen von Seiten der ultra-orthodoxen Juden), einschließlich einem jährlichen Gay Pride March [Parade von Homosexuellen und Lesben;d.Übs.], der eine Abteilung homosexueller Araber umfasste. Im Kontrast dazu würde die Hamas die Sharia einführen, die die Todesstrafe für Homosexuelle befürwortet. Wäre ich ein homosexueller Araber, dann wüsste ich, wo ich lieber leben wollte.

Freiheit oder Tod

Wenn sie mit diesem Argument konfrontiert werden, argumentieren einige Palästinenser, dass ihre Freiheit mehr wert sei als all das. Doch von welcher Art Freiheit sprechen sie denn wirklich – die Freiheit ‚von’ oder die Freiheit ‚für’? Die übliche Antwort ist Freiheit ‚von’ israelischer Besatzung und Unterdrückung, was anscheinend ein vernünftiges Ziel ist. Doch wenn man an der Oberfläche kratzt, dann findet man, dass diese Freiheit tatsächlich die Freiheit ist, ein traditionelles arabisches Leben zu führen, das für Männer die Fortführung der Muster patriarchalischer und religiöser Unterdrückung bedeutet.

Mit anderen Worten ist es die Freiheit, die Freiheiten von anderen zugunsten der Männer zu beschneiden. Lassen Sie uns hier nicht zurückhaltend vorgehen. Das Leben ist nicht gut für arabische Frauen. Ich habe bereits die Frustrierung von Shadyas Ambitionen durch die patriarchalischen Forderungen ihrer Kultur erwähnt, doch es gibt Tausende von weiteren Beispielen. Ein anderer Filmbericht erzählte die Geschichte einer Gruppe arabisch-israelischer Witwen, die eine Beizfirma beginnen wollten. Ihr Haupthindernis war nicht israelisches Vorurteil und Diskriminierung, sondern traditioneller Druck. Es scheint, dass in der arabischen Gesellschaft es als unziemlich angesehen wird, wenn Witwen arbeiten (ich war ebenso entsetzt zu hören, wie Frauen Anspielungen machten über jemanden, der seine Frau schlägt, so als wäre das ein übliches Geschehen, das man mit einem Lachen abtut). Ich meine, dass jeder, der die palästinensische Freiheit unterstützt, bedenken sollte, was sie eigentlich verteidigen, ein abstraktes Prinzip oder eine Fortführung einer unterdrückenden Tradition.

Ich weiß, dass viele wohlmeinende Progressive annehmen, dass eine freie palästinensische Gesellschaft demokratisch sein und die Menschenrechte unterstützen wird. Leider sehe ich dafür keine Anhaltspunkte. Nach meiner Ansicht beim Einnehmen einer anti-israelischen Haltung im Namen der Menschenrechte handeln sie tatsächlich gegen die Verbreitung von Menschenrechten in der Region, indem sie die Sache von unterdrückenden patriarchalischen arabischen Traditionalisten unterstützen.

Terrorismus oder Befreiungskampf

Ist die palästinensische Sache ein rechtmäßiger Befreiungskampf? Die Befürworter traditioneller linksgerichteter Politik lieben einen guten Befreiungskampf und das erklärt, weshalb es eine so starke pro-palästinensische Unterstützungsbasis bei gewissen Mitgliedern der Linken gibt.

Da gibt es tatsächlich einen komischen Umschwung. Während der ersten Jahrzehnte seiner Existenz betrachtete der Westen Israel als eine Peinlichkeit. Trotz neuerlicher Theorien, die eine jüdische/US/westliche neo-kolonialistische Verschwörung vermuten, sind die Briten während der Mandatszeit zwischen der Unterstützung arabischer und israelischer Ambitionen hin- und hergeschwankt (sie untersagten die jüdische Einwanderung zu einem Zeitpunkt und ernannten den antisemitischen al-Husseini zum Großmufti von Jerusalem, der dann seinen Einfluss nutzte, um anti-jüdische Unruhen anzuheizen und der dann schließlich Hitler unterstützte). Während des arabisch-israelischen Krieges tat der Westen gar nichts, sondern glaubte stattdessen, dass der aufkeimende jüdische Staat dem Untergang geweiht sei. Stattdessen war es Russland, das Israel bewaffnete. Tatsächlich waren viele jüdische Einwanderer (und Zionisten) Sozialisten und viele der Kibbutzim waren radikale Experimente für gemeinsames Leben, die auf dem neuesten progressiven Denken der Zeitspanne beruhten. Es kann behauptet werden, dass die Kibbutz-Bewegung das erfolgreichste der utopischen sozialistischen Experimente gewesen ist.

Zusammenfassend – zu Beginn und in der Folgezeit der Schaffung Israels war der arabische Widerstand mit dem europäischen Faschismus verbündet und die Juden mit den europäischen Progressiven. Leider bekunden einige arabische Führer immer noch eine Bewunderung für Hitler. Die Ba’ath-Partei wurde teilweise durch Hitlers Nationalsozialismus inspiriert. Weshalb also unterstützen europäische Linke ein Anliegen, das faschistische Wurzeln hat?

Der Umschwung scheint mit der Entscheidung der USA gekommen zu sein, Israel zu unterstützen. Auf seiner gröbsten Ebene wechselte die Linke die Seiten einfach deswegen, weil der neue Freund ihres Feindes natürlicherweise auch ihr Feind war. Das war ebenso der Zeitpunkt, an dem die arabische Rebellion ihren Fokus von einem Pan-Arabismus zu einem palästinensischen Nationalismus verschob. Es war auch der Zeitpunkt, an dem Arafats PLO neue Taktiken der politischen Gewalt übernahm. Diese Gewalt wurde ausgedrückt als ein Befreiungskampf und die traditionelle Linke begann, das palästinensische Anliegen zu unterstützen.

Auf dieser Stufe muss gefragt werden, woher sie das palästinensische Anliegen bekommen hat? Ich möchte behaupten, dass auf fast jeder Stufe die leichtfertige Zuflucht der Palästinenser zur Gewalt ihrem Anliegen nur geschadet hat. Nicht alle jüdischen Emigranten waren Zionisten und viele von ihnen waren keine Hardliner. Ich möchte stark vermuten, dass es die Gewalt war, die von den Arabern in den 20ern und 30ern entfesselt wurde, die viele Juden zu den radikalen Zionisten für Beschützung Zuflucht nehmen ließ.

Ein Fall, der diese Dynamik illustriert, ist die Stadt Safed. Safed ist erwähnenswert, weil es ein wichtiges Zentrum der Kabbalah war. Es ist die höchstgelegene Stadt Israels und befindet sich nahe der libanesischen Grenze zwischen jüdischen, drusischen und arabischen Gemeinden. Als die Christen Spanien zurückeroberten, gab es eine Welle von Judenverfolgungen. 1492 flohen der Kabbalah-Meister Moses von Cordovero und seine Anhänger (einschließlich seinem Schüler Isaac Luria) vor der Verfolgung und siedelten sich in Safed an. 1928 griff dann eine Gruppe arabischer Rebellen die Juden dieser Stadt an, tötete etwa 12 und verwundete 80. Das veranlasste viele Juden zu fliehen. Die Tagesberichte besagten, dass die von den Briten kontrollierte Polizei nichts unternahm, um das Massaker zu stoppen, sie ließen die Juden schutzlos zurück.

Ich habe das Beispiel von Safed ausgewählt, weil das nicht eine Gemeinde von Neueinwanderen war, sondern eine langandauernde jüdische Gemeinde mit nahezu 500 Jahren einer vorherigen friedlichen Koexistenz. Was auch immer die Gründe für diesen Angriff waren, daraufhin wandten sich viele Juden an die Zionisten um Unterstützung und während des Krieges von 1948 griff die Haganah* Safed an und zwang die Araber zu fliehen *(die paramilitärische Freiwilligengruppe, die gegründet wurde, um Juden vor arabischen Militanten zu beschützen – und hier möchte ich bemerken, dass während die radikalen Zionisten tatsächlich Palästina übernehmen und einen jüdischen Staat gründen wollten, hat sich die arabische Rebellion nicht auf ihre zionistischen Feinde eingestellt, sondern hat stattdessen wahllos Juden angegriffen, bloß weil sie Juden waren, mit anderen Worten aus verdächtig rassistischen Gründen).

Ich habe keinen Zweifel, dass Rache ein Motiv war; obschon ich sicher bin, dass die jüdische Rationalisierung war, dass Safed ein Zentrum des arabischen Widerstands war (was es wahrscheinlich auch war). Doch das geschieht, wenn Menschen politische Gewalt anwenden. Es gleitet ab in Rachemorde und eskaliert. Gewalt wird nun von beiden Seiten angewendet, nicht aus vernünftigen taktischen oder strategischen Gründen, sondern bloß aus Hass und Rache (in diesem Fall ist eine weitere lästige Wahrheit die arabische Stammestradition der Blutrache und der Ehrenmorde – die jetzt den Sektiererkonflikt im Irak anfacht).

Ich will überhaupt nicht israelische Gewalttaten entschuldigen (es gab einen neuerlichen tragischen Fall, wo ein israelischer Soldat Dutzende von Kugeln in ein 13jähriges arabisches Mädchen namens Imam al-Hams feuerte. Zu dieser Zeit konnte man den antisemitischen Hass an der Oberfläche brodeln hören, außer einer Sache: der Soldat war ein drusischer Berufssoldat, kein Jude, daher war es ein Araber, der einen anderen Araber getötet hat), und ebensowenig sollte jemand die palästinensischen Gewalttaten als rechtmäßige Taktiken in einem Befreiungskampf entschuldigen.

Aber ich muss fragen, was geschehen wäre, wenn die Araber eine politische Lösung eher als Gewalt und Krieg gewählt hätten? Die Geschichte lässt vermuten, dass es wahrscheinlich immer noch einen jüdischen Staat in Palästina gäbe, aber einen viel, viel kleineren. Viele haben argumentiert, dass die Palästinenser bloß dabei erfolgreich wären, sich selbst in den Fuß zu schießen. Ich muss zugeben, dass ich eine Menge Sympathie für die Palästinenser verloren habe, als sie für die Hamas gestimmt haben, eine Partei, von der sie wissen, dass sie Gewalt und die Zerstörung Israels befürwortet (und wie meinen sie ernsthaft, würde Israel reagieren?). Das war ein Schritt zurück.

Stolz

Es scheint mir, dass ein Hauptmotiv für die palästinensische Gewalt nicht die Schaffung eines lebensfähigen und progressiven Staates ist, der den Voraussetzungen der Ersten Direktive entspricht, sondern es ist stattdessen ein Ausdruck von patriarchalischen Vorstellungen von Stolz und Ehre – nicht was die integrale Theorie als positive Motive ansehen könnte.

Am Beginn dieses Essays sagte ich, dass dies ein Konflikt widerstreitender absolutistischer und vorherrschaftlicher Traditionen sei. Die Juden weigern sich, irgendjemandem unterworfen zu sein, was die Hauptmotivation für die Schaffung eines unabhängigen jüdischen Staates ist. Wie jeder Jude Ihnen erzählen wird, werden sie als eine untergeordnete religiöse Minderheit diskriminiert und verfolgt (einschließlich in muslimischen Ländern). Aber es ist ebenso wahr, dass es eine Hauptmotivation für den arabischen Widerstand ist, dass es undenkbar in der muslimischen Tradition ist, dass ein Muslim einem Nichmuslim unterworfen sein sollte, ganz zu schweigen einem verräterischen Juden. In der muslimischen Weltsicht sollten Muslime die Herren sein und alle anderen Religionen müssen Dhimmi sein (ein zweitklassiger Zustand, in dem der Islam die Existenz von Nichtmuslimen toleriert, vorausgesetzt sie akzeptieren gewisse Beschränkungen). Es gibt ebenso eine strenge Sichtweise, dass wenn der Islam einmal ein Land erobert hat, dass es für immer zum Islam gehöre (einmal Muslim, immer Muslim). Für den Extremisten gibt es darüber keine Verhandlung (einige wollen sogar Spanien zurückhaben).

Völlige Religionsfreiheit ist überhaupt problematisch im Islam und eine weitere unbequeme Wahrheit ist, dass es keine einzige muslimische Nation gibt, die irgendwo annähernd die volle Religionsfreiheit hat, die im Westen vorausgesetzt wird. Der Islam hindert Muslime daran, zu anderen Religionen zu konvertieren und viele Staaten haben Gesetze, die diese Einschränkung unterstützen. Die Freiheit zu konvertieren ist ein fundamentales religiöses Recht. Sogar gemäßigte Staaten wie Indonesien und Malaysia belegen Minderheitsreligionen und Sekten mit Beschränkungen. Die indonesische Verfassung beschützt nur sechs Hauptreligionen: den Islam, den Protestantismus, den Katholizismus, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus (sie erkennt den Judaismus nicht offiziell an). Sie verhindert ebenso religiöse Mischehen und legt eine Anzahl weiterer Beschränkungen auf die Religionsfreiheit.

Im Gegensatz dazu erlaubt Israel eine beträchtliche Religionsfreiheit, einschließlich für Muslime (was nicht mit Gegenleistung vergolten wird).

Das bedeutet, dass die arabische Rebellion eine fundamentale Intoleranz ist gegenüber der Idee, das Land gleichberechtigt mit sowohl Juden als auch Christen aufzuteilen. Während es immer viele gemäßigte Araber gegeben hat, sind sie jedoch immer eine Minderheit. Trotz der Bemühungen von Arafats PLO und der Fatah-Partei war der Aufstieg der Hamas leider unvermeidbar (muslimische Nationen haben mit verschiedenen Regierungsformen experimentiert, die einen Ausgleich mit den Forderungen des Islams gegenüber den Realitäten der derzeitigen Weltordnung versuchen – das Konzept vom Nationalstaat hat sich in einem europäischen Kontext entwickelt und musste auf den Islam übertragen werden, mit verschiedenartigen Graden des Erfolgs. Die Türkei allein hat es geschafft, weil Attaturk eine radikale weltliche Revolution durchgeführt hat, jedoch sogar dann ist der Islamismus wieder aufgekommen).

Mit anderen Worten war die Hauptmotivation für den arabischen Widerstand gegen eine jüdische Anwesenheit, geschweige denn einen jüdischen Staat, nicht, wie viele glauben, auf Grund zionistischer Bestrebungen, sondern weil es einfach undenkbar ist, dass Juden nicht der muslimischen Herrschaft unterworfen sind. Es ist eine Angelegenheit von muslimischem Stolz. Juden können niemals Gleiche sein und hier begegnen wir dem Handlungsstrang des Antisemitismus, der in der gesamten muslimischen Welt angetroffen wird.

Die Christen entwickelten antisemitische Theorien auf der Grundlage, dass die Juden Christusmörder seien, was sich schließlich in die Rassentheorien der Nazis umgestaltete. Der Islam hat jedoch seine eigene antisemitische Tradition, die auf der Idee basiert, dass die Juden von Natur aus verräterisch seien, weil sie (angeblich) Mohammed in Medina verraten hätten. Während der 30er Jahre verbreiteten die Nazis ihre Propaganda im Nahen Osten, als sie versuchten, arabische Verbündete zu finden. Der Führer der arabischen Rebellion in Palästina, der Großmufti von Jerusalem, wurde ein Kollaborateur der Nazis und er wusste von der Endlösung. Hätte Deutschland den Krieg gewonnen, gab es Pläne für die Ausrottung der Juden in Palästina. Hitler wird immer noch in muslimischen Kreisen gelobt und die neuerlichste Manifestation ist das Verleugnen des Holocaust durch Ahmadinejad, den Präsidenten des Iran.

Doch die Juden sind ebenfalls nicht frei von solch tiefen Überlegenheits-Tendenzen. Es gibt sicherlich extremistische Juden, die alle Araber aus einem erhofften größeren Israel vertreiben würden und die von Arabern als von Natur aus unterlegen sprechen.

Dies legt für die integrale Theorie nahe, dass Motivationen wichtig sind und dass die Theorie nur Aktionen unterstützen kann, die aus integralen Gründen unternommen werden, nämlich der Ersten Direktive.

Ich sagte zu Beginn, dass ich eine Ein-Staat-Lösung vorziehen würde, in dem alle Parteien als Gleichberechtigte koexistierten. Doch das ist nicht möglich, solange jede der Traditionen an ausschließenden Positionen festhält. Ich muss deshalb einen getrennten jüdischen Staat befürworten, bis zu jenem Zeitpunkt, an dem alle Parteien sich auf eine einbeziehendere und tolerante Entwicklungsstufe entfaltet haben. Christen und Muslime haben bereits mehrere Staaten, die sie ihr eigen nennen können, und hier kommen wir zu einer weiteren lästigen Wahrheit.

Muslime sind in dieser Hinsicht besonders scheinheilig und selbstsüchtig. Es gibt eine gute Anzahl von strengen muslimischen Staaten, doch Muslime wollen sogar nicht einmal einen kleinen jüdischen Staat zulassen (und wenn, dann würde er nirgends nahe dem Nahen Osten sein, und das ist lächerlich angesichts der unleugbaren Verbindungen der Juden zu dieser Region). Muslime haben ausschließlichen Zugang zu den ersten beiden ihrer heiligsten Stätten, Mekka und Medina, doch sie haben gelobt, jedem Versuch von Juden gewaltsam zu widerstehen, eine ausschließliche Kontrolle über ihre heiligste Stätte auszuüben (und die einzige, die sie wirklich haben wollen). Stattdessen wollen viele Muslime ebenso die ausschließliche Kontrolle über ihre drittheiligste Stätte haben (die Jordanier hielten Juden fern von der Anbetung an der Klagemauer). Wieviel wollen sie eigentlich?

Wenn sie gnädig und großzügig gewesen wären und hätten den Juden eretz yisrael und den Bau des Dritten Tempels erlaubt, wäre dann die Welt zu Ende gegangen ? Ganz im Gegenteil, ich glaube, dass ein solcher Akt der Großzügigkeit von den Juden belohnt worden wäre und ein erfolgreicher und sicherer jüdischer Staat würde ein Leuchtfeuer des Fortschritts in der Region sein, zum großen Nutzen seiner muslimischen Nachbarn.

Das würde ebenso der Ersten Direktive gedient haben.

Bemerkung: Meine Positionen bei Themen verblüffen die Menschen oft. Ich bin beschuldigt worden, sowohl ein Verteidiger der Neokonservativen als auch der Marxisten zu sein. Ich sehe mich selbst als einen integralen Progressiven. Das bedeutet, dass ich das unterstütze, was am meisten den integralen Prozess voranbringt. Wenn das bedeutet, bei einigen Gelegenheiten die US-Politik und bei anderen den Marxismus zu unterstützen, dann erscheint mir das perfekt logisch zu sein. Ich meine zufällig, dass ich eine perfekt verständliche und zusammenhängende Ansicht abgebe, die auf klaren integralen Prinzipien beruht.

Ray Harris, January 2007