INTEGRAL WORLD: EXPLORING THEORIES OF EVERYTHING
Ein Forum für eine kritische Diskussion über die integrale Philosophie von Ken Wilber



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Unmögliche Rhetorik

Boomeritis und ihre rhetorischen Probleme

Mathias Larsen

Ken Wilber hat einen Großteil der modernen akademischen Welt als „Boomeritis- erkrankt“ diagnostiziert. Er hat die Symptome beschrieben und eine Kur zur Heilung verschrieben, allein der Patient kümmert sich nicht darum. Die etablierte akademische Welt beschäftigt sich nicht mit den Inhalten von Wilber und Gleichgesinnten, und daher werden die Kernprobleme, die er zu debattieren versucht, gerade von jenen Menschen nicht erfasst, die daran leiden.

Ken Wilber erreicht nicht das Publikum, das er erreichen sollte; die, die am meisten davon überzeugt werden sollten, sind gerade diejenigen, die am meisten vor den Kopf gestoßen werden - durch seine Ideologien und seine Kritik an den Werten des „Fiesen Grünen Mems“ („Mean Green Meme“ oder MGM, Anm.d.Ü.). Was hier diskutiert werden soll, sind nicht Wilber's Theorien, sondern wie sie verfolgt werden, und wie das in fruchtloser Kommunikation versinkt.

Basierend auf Don Beck's Spiral Dynamics hat Wilber herausgearbeitet, wie das grüne Mem die Werte des gelben Mems ignoriert. Weil dem grünen Mem die Einsicht fehlt in die holistische Natur der gelben Werthaltung, wird es nur als unterdrückend und reaktionär verkannt. Grund dafür ist – laut Wilber – ein klarer Befall von Boomeritis, da Tiefe und umfassende Natur von Gelb durch 1st-tier (primärschichtige) Meme einfach nicht erfasst werden können, und deshalb in sehr begrenzter Weise interpretiert werden: „da gibt es eine einfache Regel: wenn grün gelb erblickt, so glaubt es, rot zu sehen“ sagt Wilber. Und weiter:

„Grün haßt alles 2nd-tier-hafte (sekundärschichtige) (....); Gelb zum Beispiel ehrt und umarmt verschachtelte Hierarchien, Werte-Rangstufen, universelle Systeme, und starken Individualismus. Grün schaut auf alle diese Begriffe – Universalien, Hierarchien, Ränge, Individualismus – und schreit „Unterdrückung! Herrschaft! Marginalisierung! Elitismus! Arroganz!“ und so weiter.“

Das heißt nun, dass Wilber mit den meisten seiner Kritiker nicht ernsthaft diskutieren wird, da er glaubt, dass ihnen die Tiefe fehlt, und dass sie unfähig sind, 2nd-tier (sekundärschichtige) Werte zu erkennen. Zwar lädt Wilber zu Debatte und Diskussion ein - doch nur auf Basis derjenigen Begriffe und Theorien, die er selbst verwendet, was Kritik schwer macht, da das grundsätzliche Einverständnis, das Wilber von seinen Lesern einfordert, so extensiv ist, dass das Interesse des Skeptikers an den ursprünglichen Argumenten wieder verloren geht. Wenn du nicht die Validität von Spiral Dynamics, des AQAL-Modells, von Spiritualität etc. anerkennst, dann gibt es keinen Weg, um Wilber zu begegnen. Fehlender Konsens ist nicht unbedingt ein Problem per se, aber es wird zum Problem - durch die integralen Ambitionen von Wilber's Theorien.

Wenn das dominierende Mem in der modernen akademischen Welt (und das ist Grün) nicht integriert werden kann – oder zumindest an einer fruchtbringenden Debatte teilnehmen kann – dann ist die ganze Diskussion um das Voranbringen einer integralen Bewegung nutzlos. Der Tonfall zwischen dem grünen und dem gelben Mem scheint so aggressiv zu sein, dass beide Parteien extremere Standpunkte einnehmen als zuträglich ist. Das ist eine Frage der Rhetorik, und dadurch essentiell, da Wilber's Kanal die Kommunikation ist. Don Beck erläutert:

„ Die ganze Idee vom „Fiesen Grünen Mem“ ist eine rhetorische Strategie. Ken und ich fragten uns: wie öffnen wir GRÜN? Wie erhalten wir es in Bewegung? Weil aus unserer Sicht soviel an ihm ein stehender Tümpel ist. So sagten wir, erfinden wir doch das „Fiese Grüne Mem“: beschämen wir es doch ein wenig. Halten wir ihm einen Spiegel vor Augen und zeigen wir ihm, was es tut, in der Hoffnung, dass wir dadurch das „Fiese Grüne Mem“ vom legitimen „gesunden GRÜN“ trennen. Setzen wir doch genügend viele Leute ihrem eigenen Wertesystem von Doppelbödigkeit, Künstlichkeit und Selbsterfüllung rund um die politische Korrektheit aus, um sie schließlich dahin zu kriegen, dass es noch etwas dahinter gibt. Es ist eine drastische Maßnahme, eine rhetorische Strategie - ein Symbol zu erschaffen, das hoffentlich den Menschen aufzeigt, wie gerade das, was sie tun, das verhindert, was sie eigentlich wollen.“

Daraus ist ersichtlich, dass eine sehr bewusste rhetorische Strategie Wilber's Werk zugrunde liegt, und besonders seinen Texten, die von Boomeritis handeln (z.B. SES, Boomeritis). Und so ist es wesentlich zu untersuchen, ob diese Strategie erfolgreich ist. In Rhetorik-Theorie ausgedrückt, gibt es ein sprachwissenschaftliches Anliegen, ein Bemühen um Kommunikation. Eines der Hauptprobleme, die Wilber ansprechen will (das sind rhetorische Situationen), ist, dass viele Menschen in einer pathologischen Version des grünen Mems steckengeblieben sind, die die Weiterentwicklung der Welt hemmt. Doch Wilber's Lösung ist oft, einen Diskurs zu wählen, der sein Zielpublikum konfrontiert, indem er viele Begriffe und Ideen verwendet, die gerade die Leute, die er zur Veränderung anregen will (also die pathologischen Grünen), vor den Kopf stoßen. Die Leute, die sich nicht konfrontiert fühlen oder widersprechen, sind diejenigen, die ohnehin schon seine Ideen teilen. Daher also, wenn ein Buch wie Boomeritis rhetorisch erfolgreich ist, das heißt wenn es seine Leser überzeugt, so kann es das nur, da es gut resoniert mit Menschen, die – in SD Begriffen – sich in auslaufendem Grün oder bereits bei Gelb oder Türkis befinden. Wilber's Kommunikationsstrategie ist es dann, mit denen zu kommunizieren, die schon damit übereinstimmen, und die zu provozieren, die das nicht tun.

Die Frage ist nun, ob Wilber damit mehr Leute verärgert, als er überzeugt. Die Antwort ist komplex, da Wilber viele wirklich verletzt hat, die sich auf seinen unversöhnlichen Tonfall konzentriert haben. Doch das Problem ist, dass es teilweise Wilber's Meinung ist, dass Leute nur dann negativ auf seinen Tonfall reagieren, wenn sie in Grün feststecken. In den Endnoten zu Boomeritis erklärt Don Beck in einer lecture, wie er einen polemischen Ton in einer Debatte als taktisches Mittel nicht ablehnt: „weil Gelb auf den „Tonfall“ nicht achten wird, aber Grün sehr oft wutschäumend reagiert“. Anders gesagt, nur Menschen mit fehlender Einsicht werden auf Wilber's Wortwahl negativ reagieren. Dieses Argument bekräftigt teilweise Wilber's Rhetorik, aber das Problem ist, dass solch ein Diskurs seine Kritiker nur noch mehr in Rage bringt. Beck's Akzeptanz von Wilber's Rhetorik überrascht nicht, da sie viele der Theorien teilen, doch Beck's Erklärung zeigt keine Lösung im Kommunikationsproblem zwischen Primärschicht- und Sekundärschicht-Denken, bzw. zwischen der Elite, die Wilber schaffen will, und den Menschen, die zu dieser Elite werden sollen. Und so mag Wilber's Rhetorik innerhalb seines eigenen Kontexts perfekt rational erscheinen (interne Kohärenz), doch ist sie weit entfernt von Effektivität, wenn er diejenigen überzeugen will, die seine Ansichten nicht teilen (externe Kohärenz).

Sollte nun Boomeritis zum Durchbruch kommen und während der nächsten paar Jahre ein breites grünes Publikum finden, so widerlegt es dann paradoxerweise seine eigenen Thesen. Wenn Akademiker im modernen Amerika das Buch lieben, so sind sie ironischerweise nicht so grün wie das Buch es vermeint. Denn wenn an dem Buch was dran ist, wird es gerade nicht von denjenigen akzeptiert, die ihre Lebenswerte weiter entwickeln müssten, und wenn es von denen die es inspirieren sollte, akzeptiert wird, so widerspricht es sich selbst – denn das Fiese Grüne Mem würde negativ auf die Botschaft in Boomeritis reagieren. Wenn es das nicht täte, so wäre es gar nicht grün, und dann wären die Leute, die im Buch kritisiert werden, nur Gespenster und stellen nicht ein Viertel der US-Bevölkerung dar (wie das Buch argumentiert). In anderen Worten, wenn das Buch stimmig ist, wird es keinen Einfluß auf die Leute haben, die es doch überzeugen sollte - aber wenn das Buch doch Einfluß hat, so heißt das, dass die Theorie falsch ist.

NICHT SO INTEGRAL

Die Integrale Herangehensweise sieht aus wie ihr Gegenteil. Anstatt eine Philosophie zu sein, die alle Linien des Denkens integriert, ist sie unglücklicherweise ein geschlossener Kreis. Die Basis der Philosophie ist global, doch das Hauptproblem ist, dass vorgebrachte Terminologie und Themen ironischerweise in einem sehr geschlossenen Umfeld gedeihen. Offensichtlich ist das der Fall bei allen Denkschulen, und Wilber selbst hat angedeutet, dass man schon ähnliche Gedanken gehabt haben muß, um seine Ideen gutzuheißen. Und daher sind die rhetorischen Probleme nicht einzigartig und sie sind für alle Philosophien universal, da man nur Argumenten zustimmen kann, die mit eigenen Erfahrungen in Einklang stehen. Jedoch, die Frage hier ist, ob die rhetorische Strategie hier wirklich die Leute abschreckt, die potentielle „Konvertiten“ sein könnten. Dieser Punkt muß geklärt werden, wenn die integrale Bewegung weiter verbreitet werden soll, und nicht nur lachhaft oder sogar bösartig erscheinen soll für die Leute, die eigentlich aufnahmebereit sind.

Wilber's System hat ein Kommunikationsproblem. Zum einen ist es eine profunde Struktur, die scheinbar zu allem Antworten und Zusammenhänge gibt. An seinen inneren Verdiensten gemessen, ist sie sehr beeindruckend. Wenn man Wilber's grundlegenden Ideen teilt, wird seine Auslegung des Kosmos ein hypernützliches Werkzeug sein, und die Ideen, die in Verwendung seiner Termini und Konzepte ausgetauscht werden, werden konstruktiv und kreativ sein. Problem ist, dass interne Kohärenz und Verstehen noch keine externe Anerkennung garantieren. Wilber's System ist erfolgreich nach seinen eigenen Parametern, doch das Problem ist, dass es nicht attraktiv ist für Leute, die sich noch nicht mit diesen Gedanken befassen. Wenn du glaubst, dass die Anerkennung von Spiritualität für ordentliche wissenschaftliche Forschung eine Gefahr ist , so wird dich Wilber auch nicht von was anderem überzeugen. In anderen Worten, seinem Diskurs fehlt die externe Anziehungskraft. Dieses Argument scheint eigenartig, da Wilber doch scheinbar laufend neues Terrain erschließt. Sowohl die Website „Integral Naked“ als auch seine eigene neu etablierte Homepage sind fruchtbarer Boden für alle Arten von Denkern von Gurus bis zu Rockmusikern. Drüberhinaus wird seine Stimme noch in vielen Lautsprecherboxen von Filmfreaks zu hören sein, da er einen extensiven Kommentar für die DVD Ausgabe von Matrix verfasst hat. In anderen Worten, Wilber und seine Ideen sind scheinbar überall und anerkannt, sowohl bei Priestern als auch bei Actionfilmfreaks. Problem ist, so gut etabliert und populär er auch sein mag in manchen Kreisen, er wird beim Fiesen Grünen Mem nicht zum Durchbruch kommen - infolge seiner Art zu kommunizieren. Vielleicht ist das auch nicht nötig für die integrale Bewegung, aber wenn das grüne Mem wirklich so dominant ist wie Boomeritis annimmt, dann wäre es eigenartig, nicht zu versuchen, diese Gruppe speziell anzusprechen.

EIN MEXIKANISCHES STAND-OFF

Um eine Krankheit zu heilen ist der erste Schritt oft, sie anzuerkennen - und gerade das ist bei Boomeritis das problematische. Zweifellos ist Wilber „Gedanken-provozierend“, doch problematisch ist, dass der Grossteil seines potentiellen Publikums sich mehr auf das Provoziertwerden als auf den Gedanken fokussiert. Die, die seine Bücher lesen, können seinen Diskurs zu anspruchsvoll finden, da er viele Theorien voraussetzt, die akzeptiert sein müssen, bevor man noch darüber nachdenken kann, ob Wilber's Wissens-Synthese stimmig ist. Und darüber hinaus, auch wenn man mit allen orientierenden Generalisierungen, die er aus allen möglichen rationalen Wissenschaften ableitet, übereinstimmt, dann ist es noch zusätzlich die spirituelle Dimension, die weitere Skepsis hervorruft.

Um ein politisch unkorrektes Beispiel aus der Filmkritik zu bringen, Wilber's Diskurs ist in einem „Mexikanischen Stand-Off“ gefangen. Ein mexikanisches Stand-off ist die Szene in Actionfilmen, wo zwei Pistolenhelden gleichzeitig sich die Pistolen an die Köpfe halten. Wenn der eine schießt, dann tut's der andere auch, und wenn der eine zurückzieht, so wird der andere dennoch schießen. – In so einer Lage gibt es keine klare Lösung, und es kann nur übel ausgehen. Wie eine eingefrorene Actionszene in einem Film, so wird Wilber's Schreiben es schwierig haben, die rhetorische Position in Würde zu verlassen. Würde er seine Vision von Boomeritis in einer Sprache abfassen, die dem grünen Mem besser anstünde, und es ihm ermöglichen würde, im akademischen Diskurs an den Unis mehr akzeptiert zu werden, dann würde er Gefahr laufen, die klare Botschaft zu verlieren, die er hat: die Botschaft darf nicht auf die Primärschicht regredieren, um die Sekundärschicht zu fördern. Außerdem, sollte er seinen Diskurs ändern, müsste er mehr Gegenargumente zulassen, und als Resultat sein eigenes AQAL-Modell dekonstruieren; einen für pathologisches Grün „akzeptableren“ Diskurs zu steuern könnte dann in einer Aufweichung seiner Ideen resultieren, da er nicht so unterscheidend sein könnte in seiner Integration; er kann keine Theorien inkludieren, die gegenseitig exklusiv sind.

Im Gegenteil, die Strategie, die er gewählt hat, hat dazu geführt, dass er nur mit jenen konfrontiert ist, die schon von Anfang an seine Ideen geteilt haben. Die Boomeritis-Diagnose hat nachvollziehbarerweise nur die Leute erreicht, die den Verdacht einer solchen Krankheit hatten, und nicht diejenigen, die an einer solchen tatsächlich litten (vorausgesetzt diese Krankheit existiert wirklich). Und so nützte Wilber's Boomeritis-Diagnose nur denen, die schon seit Beginn her davon geheilt waren, wohingegen die wahren „Leidenden“ nie erreicht werden, da die Werte, die er vertritt, niemals durch die pathologische Version des grünen Mems begriffen werden. Daher sind die rhetorischen Probleme der integralen Bewegung offensichtlich unmöglich zu lösen.

Der enorme Konsens, der eine Voraussetzung ist, um Wilber's Argumenten überhaupt folgen zu können, ist ein weiteres Problem. Seine Fähigkeit, so viele Weltsichten zusammenzusetzen und zu integrieren, ist der Grund, warum er – um bei der Film-Analogie zu bleiben – die Pistole im festen Griff behält, doch der extensive Konsens ist zugleich sein Feind, da er so viele Spezialgebiete in seine AQAL-Welt einlädt, dass sie zwar ein kohärentes Ganzes optimal bilden, aber unglücklicherweise sind auch trojanische Pferde darunter. Dadurch riskiert er auch, dass gleich viele Pistolenmündungen auf ihn gerichtet sind. Er gruppiert sein integrales Modell um einige anerkannte Vordenker, doch sie sind auch nur das: bei jedem Denker, auf den er sich bezieht, schließt er die Gegenargumente, die ihnen entgegengehalten wurden, aus. Und so wird die fordernde Zustimmung, die Wilber als seine Basis baut, nicht nur eine Theorie, innerhalb derer du vielen Dingen zustimmen musst, du musst zugleich auch vieles ablehnen. Und da sein System eine große Zahl an Argumenten und zugleich auch Gegenargumenten enthält, bringt es seine Bemühungen in Gefahr, insgesamt beiseitegelassen zu werden, da sie als Gesamtpaket angesehen werden, bei dem es nicht möglich ist, nur einem Teil seiner Theorien zuzustimmen, sondern man muß dem System als Ganzem beipflichten. Ich leite daraus nicht ab, dass die integrale Bewegung nicht Diskussionen darüber und Abänderungen des Modells bewältigen könnte, sondern nur, dass allein um schon an diesen Diskussionen teilhaben zu können, ein so großer Konsens vorhanden sein muß, dass nur wenige daran teilnehmen werden. Das ist nicht notwendigerweise ein rhetorisches Problem, sondern eher eines von Image und Zugänglichkeit.

Und obwohl Wilber's Ideen in vielen Communities, speziell im Internet, Höhenflüge erreichen, so müssen sie doch in eher konventionelle Kreise einsickern, und Boomeritis wird dabei wahrscheinlich nicht helfen. Seine Theorien sind zweifellos Gesprächsthemen, und insofern ist er sehr erfolgreich als Autor und Lehrer, doch an den meisten Unis wird er nicht gelehrt, und dadurch fehlt ihm die offizielle Anerkennung, die seine Ideen brauchen: denn wozu ist die Diagnose einer Krankheit gut, wenn der Patient keine Einsicht in seine Krankheit hat?

KÜMMERT SICH WILBER UM GRÜN?

Das ist wirklich die Frage. Er ist schon weitergezogen und erscheint uninteressiert daran, Boomeritis zu diskutieren und scheint sich mehr zu konzentrieren auf seine neuen Schriften, in denen er so etwas wie „Post-Metaphysik“ beschreibt. In seinen jüngsten Texten beschäftigt er sich nicht mehr mit der Basis seiner Theorien, sondern mit der Weiterentwicklung derjenigen Theorien, die er bereits als verifiziert sieht. In der Einführung zu einem Exzerpt eines herauskommenden Buches schreibt Wilber:

„Und so setzt mein Werk (....) nicht nur eine vorübergehende Familiarität, sondern ein grundlegendes Wissen der Züge des AQAL-Modells voraus.(...) Aus diesem Grund habe ich aufgehört, Kritikern zu antworten und widme mich nun ausschließlich Menschen, die den Integralen Ansatz verstehen (und deren Kritik von innen genauer und treffender ist).“

In Fußnoten, Einleitungen, Interviews etc. betont Wilber immer wieder, dass seine Ideen weithin nicht akzeptiert werden können, solange man nicht gewisse Ideen teilt. Verständlicherweise werden alle Diskurse nur von jenen geschätzt, die finden, dass der Inhalt mit ihnen in Resonanz steht, doch im Fall der Boomeritis-Diagnose ist das ein großes Hindernis, da das Konzept nun mit Menschen umgehen muß, die den Wert ihres Inhalts nicht anerkennen. Er beschreibt alles, was er falsch sieht an pathologischem Grün, doch seine Präsentation ist so offen provokant, und er verwendet exakt die Begriffe, die - entsprechend seiner eigenen Diagnose - das grüne Mem in wilde Opposition treiben werden. Und so erscheint Wilber eher an der Diagnose als an der Heilung dieser Krankheit interessiert zu sein. Das erscheint paradox, denn sein Diskurs und alles was er mobilisiert, erfordert Leidenschaft und Entschlusskraft: sicher meint er es ernst! Doch seine rhetorische Strategie enthüllt, dass er eher eine Theorie entwirft für diejenigen, die bereits ähnliche Ideen teilen, als eine Heilungsstrategie für diejenigen, die an Boomeritis gerade leiden. Und so, wenn Wilber seine Ideen in größerem Kreis diskutiert haben möchte, muß er doch seine Rhetorik etwas verändern und Gegenargumenten offener sein. Und zusätzlich, manche Menschen sollten sich weniger provozieren lassen und so weniger voreingenommen sein gegenüber seinen Ideen. Kurz: beide Parteien müssen ihren Zugang zum Boomeritis- Diskurs ändern. – Dies könnte zu einer treffenderen Diskussion der integralen Ideen auf breiterer Basis führen. Und zuletzt, wie Wilber sagt: „Niemand ist smart genug, um immer falsch zu liegen“.

Basierend auf einer Thesisarbeit in Englisch und Rhetorik an der Uni Kopenhagen, DK. Er kann erreicht werden unter mathias.larsen@mail.tele.dk