INTEGRAL WORLD: EXPLORING THEORIES OF EVERYTHING
Ein Forum für eine kritische Diskussion über die integrale Philosophie von Ken Wilber



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Jeff MeyerhoffJeff Meyerhoff ist ein unabhängiger Gelehrter, der Philosophie, Politik, Mystizismus und Psychologie studiert. Er benützt Achtsamkeit und Psychoanalyse zur Selbstentwicklung. Er arbeitet als Sozialarbeiter mit Geistigbehinderten, sucht jedoch nach neuen Möglichkeiten einer Karriere. Er ist der Autor von Unverhüllter Ehrgeiz: Eine Kritik von Ken Wilbers Theorie von Allem, veröffentlicht bei Integral World. Sein Weblog kann gefunden werden bei philosophyautobiography.blogspot.com. Email at jefriv@comcast.net.


INHALTSVERZEICHNIS

Einführung

Unverhüllter Ehrgeiz. Eine Kritik von Ken Wilbers Theorie von Allem

Jeff Meyerhoff

Ken Wilbers Ruf reicht von lobenden Einschätzungen, die ihn als ,,den Einstein des Bewusstseins'' beschreiben, bis zu herabwürdigenden Ablehnungen, die ihn als einen New-Age Pseudo-Wissenschaftler ansehen. Was ist die Aussagekraft seines Beitrags? In den 1970ern und 80ern etablierte er sich selbst als ein führender Theoretiker der Transpersonalen Psychologie, indem er prominente westliche und östliche spirituelle Lehren in das Spektrum des Bewusstseins integrierte. In den 1990ern häufte er ein beeindruckend vielgestaltiges Aufgebot von Gelehrsamkeit in den natürlichen, sozialen und spirituellen Wissenschaften auf, um eine integrale Synthese des Wissens zu schaffen, auf die er sich selbst nur halb ironisch bezieht als eine ,,Theorie von Allem''. Wilbers achtbändige Sammlung der gesammelten Werke wurde kürzlich veröffentlicht und seine Bücher sind in 30 Sprachen übersetzt worden. Akademische Anerkennung ist von Charles Taylor, Michael Zimmerman, Robert Kegan gekommen und in Form einer buchfüllenden Übersicht über sein Werk.[1] Die wachsende Enttäuschung über das postmoderne und poststrukturelle Denken lässt Wilbers integrale Synthese für diejenigen außerhalb und innerhalb der Universitäten attraktiver erscheinen.

Wilber ist ein gerissener Propagandist. Fünf Webseiten sind nun seinem Werk gewidmet. Er gründete ein ,,Integrales Institut'' mit führenden Gelehrten, das Forschung von der integralen Perspektive fördert und integrale Beratungsdienste anbietet. Eine Integrale Universität plant, anerkannte Kurse anzubieten. Während seine Theorie ein entwicklungsgemäßes Transzendieren der postmodernen Kultur vorhersagt, das jetzt in der Wissenschaft verborgen ist, weiß er, dass intellektuelle Vorherrschaft nicht nur aus der Stärke des besseren Arguments entsteht, sondern dadurch, dass man eine jüngere Generation von Gelehrten bekommt, die sich für seine Ansichten prügeln, um so einen festen Stand in der Wissenschaft zu erlangen. Wilbers wachsende Popularität, seine Internetarbeit, sein Einfluss und sein Ruf lassen es zur Zeit günstig erscheinen, seine Ansichten zu bewerten.

Es hat milde, stückweise Kritiken von Wilbers Werk gegeben, es gibt jedoch keine durchgehende buchfüllende Kritik, die seine wissenschaftlichen Quellen und Argumente näher untersucht und eine Antwort anbietet von einer stark formulierten kritischen, rationalen, postmodernen und spirituell informierten Position aus. Ich untersuche die Hauptgebiete, die Wilber in seine integrale Synthese zusammenwebt und zeige die Probleme (und Stärken) seiner Argumente und Methoden, indem ich Philosophie und den Gebrauch von Quellen zugrunde lege. Ein Grundpfeiler des postmodernen Verständnisses ist, dass eine allumfassende Integration von Wissen in der Art, wie sie Wilber versucht, nicht möglich ist und dass eine radikale Pluralität von Perspektiven eine Tatsache des zeitgenössischen Lebens ist. Eine Art von Perspektivismus und Relativismus hat sich durchgesetzt, die Wilber transzendiert zu haben glaubt, meine Analyse zeigt jedoch, dass er es nicht getan hat. Als eine Alternative beschreibe ich einen alternativen spirituellen und psychologischen Pfad des Wissens und verschaffe eine Illustration des psychologischen Pfades mit einer psychologischen Analyse der Grundlage von Wilbers Überzeugungen.

Wilber hat sich häufig über Kritiker beschwert, die sein Werk falsch interpretieren[2] und um das zu vermeiden, habe ich versucht, seine Theorie möglichst stark zu formulieren. Sein Hauptwerk (magnus opus)Sex, Ecology, Spirituality (SES)[3] ist die Basis meiner Interpretation, diese Version seiner Theorie wurde erforderlichenfalls durch ältere und neuere Versionen ergänzt. Wilbers Einführung zu der revidierten zweiten Ausgabe vonSES ist hilfreich, indem sie diese Texteinschränkungen aufzeigt. Ich untersuche seine Ansichten über Philosophie, integrale Theorie, Methodologie, den Charakter der natürlichen Welt, die individuelle und soziale Entwicklung, Mystizismus, westliche Geschichte und die Postmoderne. Die Gebiete der männlich/weiblichen Beziehungen und der Ökologie sind bereits von anderen untersucht worden und werden hier nicht nachgeprüft.[4]

Wilbers integrale Synthese ist eine evolutionäre Entwicklungstheorie, die versucht, die Hauptthemen der natürlichen, sozialen und spirituellen Wissenschaften zu verbinden. Indem er ein Modell benützt, das von den neuen Wissenschaften der Komplexität abgeleitet ist, beschreibt er einen Evolutionsprozess, in dem selbst organisierende physische, biologische und menschliche soziale und individuelle Systeme sich ansammeln in zunehmend komplexen Formen und neuartigen auftauchenden evolutionären Eigenschaften. Der Urknall setzte einen kosmischen evolutionären Prozess der Ansammlung, Integration und Emergenz in Bewegung. Subatomare Partikel sammeln sich zu Atomen, die sich dann zu Molekülen zusammentun, so schaffen sie Sterne, Planeten und die anderen physischen Inhalte des Kosmos. Auf der Erde sammeln sich Moleküle an zu komplexen Formen und lassen das Auftauchen von lebendem Material oder Organismen zu; das begründete eine allmähliche biologische Evolution, die komplexere und unterschiedlichere Formen des Lebens schuf. Aus dieser biologischen Evolution tauchten menschliche Wesen und ihre einzigartige Form von Bewusstsein auf. Menschliche Wesen sind eine lebendige Verkörperung der einbeziehenden Komplexität des Kosmos. Einbeziehend, weil in jedem von uns Atome sind, innerhalb von Molekülen innerhalb von Zellen innerhalb von Geweben innerhalb von Organen innerhalb des Körpers. Jede Ebene der Existenz transzendiert und schließt ebenso alle niederen Ebenen ein und bildet eine natürliche Hierarchie innerhalb des sogar noch umfassenderen Bereichs des menschlichen Bewusstseins.

Das menschliche Bewusstsein führt diesen Entwicklungsprozess sowohl individuell als auch sozial weiter fort. Wilber benützt das Werk von Jean Piaget und anderer Entwicklungspsychologen, um den Verlauf der individuellen Entwicklung aufzuzeigen. Er verbindet das mit Jürgen Habermas' Modell der sozialen Entwicklung, um eine parallele Entwicklung der Gesellschaft durch die Geschichte zu beschreiben. Der rationale Verstand ist gegenwärtig der am meisten fortgeschrittene Bewusstseinszustand, wie er in den Menschen und Gesellschaften des industrialisierten Westen verkörpert ist. Indem sie das Rationale transzendierten, studierten und theoretisierten Piaget, Kohlberg und Abraham Maslow höhere Bewusstseinszustände. Wilber benützt diese Autoren und die spirituellen Wissenschaften der disziplinierten Introspektion, die in der mystischen Literatur beschrieben wird, um für eine weitere Entfaltung zunehmenden Bewusstseins zu argumentieren. Im Gegensatz zur westlichen intellektuellen vorherrschenden Meinung konstituieren die mystischen Praktiken und die Literatur sowohl des Ostens als auch des Westens eine rigorose, detaillierte und empirische Beschreibung der Inhalte und der Entwicklung des Bewusstseins durch die disziplinierte Anwendung von kontemplativen und meditativen Praktiken. Diese Literatur behauptet, dass es darüber hinaus Bewusstseinsebenen gibt, jedoch einschließlich des rationalen Denkens, was eine sogar großartigere Integration von Materie, Leben und Geist verschafft. Wilber integriert kreativ diese Arbeit in seine weitere evolutionäre Synthese.

Um seine Integration zu konstruieren, benützt Wilber die Gelehrten des Wissenschaftsbetriebs. Er umgeht die laufenden Debatten in den Forschungsfeldern, die er integriert durch die Anwendung der von ihm so genannten orientierenden Verallgemeinerungen in jedem Feld. Während die Teilnehmenden innerhalb jedes Feldes die relevanten Themen diskutieren, bei denen sie nicht übereinstimmen, setzen sie ebenso Punkte der Überseinstimmung im Hintergrund voraus oder orientierende Verallgemeinerungen. In jedem Feld pflückt Wilber dieses bereits allgemein akzeptierte Hintergrundwissen und konstruiert seine integrale Synthese.

Diese integrale Synthes nimmt die Form einer Landkarte des Wissens an. Innerhalb dieser Karte findet Wilber einen Ort für die natürlichen, sozialen und spirituellen Wissenschaften, die unterschiedliche Seiten von individuellen und sozialen Einheiten studieren. Jede individuelle und soziale Wesenheit hat sowohl eine subjektive oder innere und eine objektive oder äußere Seite. Zum Beispiel studiert die Phänomenologie die individuelle menschliche Subjektivität oder die inneren Inhalte des individuellen Bewusstseins; die Geschichte des Bewusstseins studiert das Bewusstsein oder ,,die Subjektivität'' von sozialen Gruppen über die Zeit; die Physik studiert die individuellen und sozialen Äußerlichkeiten der Materie wie etwa subatomare Partikel und Galaxien; die Demographie studiert den äußeren oder objektiven Aspekt von menschlichen sozialen Zusammenschlüssen. Jede etablierte Wissenschaft gibt uns Information über einen Teil des weiteren Ganzen.

Wilbers Methode und sein Modell versucht ebenso, auf den gegenwärtigen extremen Relativismus zu antworten und ihn zu integrieren, der keinen Weg erkennt, um unterschiedliche Weltsichten und Wissenschaften einzuordnen, und hat so das gegenwärtige Wissen und die Gesellschaft richtungslos und fragmentiert zurückgelassen. Wilbers Modell trachtet danach, die einzigartigen Wahrheiten der getrennten Disziplinen zu bewahren, indem er sie in ein hierarchisches Modell integriert, das die natürlichen evolutionären Tendenzen identifiziert, die die Entwicklung von Materie, Leben, Verstand und Geist charakterisieren. Auf diese Weise ist seine integrale Vision ein Vorstoß gegenüber dem postmodernen Relativismus und der fragmentierten Spezialisierung des gegenwärtigen Hochschulbetriebs.

Dieses Buch untersucht sein Werk auf zwei Wegen. Erstens löse ich meinen Anspruch wieder ein, dass er nicht tatsächlich die Methode der orientierenden Verallgemeinerungen benützt, um die Beweise zu beschaffen, dass in jedem der von Wilber diskutierten Themenbereiche - die natürlichen Wissenschaften, die Entwicklungspsychologie, die soziale Evolution, die westliche Geschichte, die Postmoderne, der Mystizimus - die orientierenden Verallgemeinerungen höchst umstritten sind und weitgehend abweichende Grade der Gültigkeit haben. Beim Untersuchen seiner Quellen wie etwa Piaget, Habermas, Charles Taylor, Jacques Derrida, A.O. Lovejoy und anderer Felder, an welchen sie teilhaben, zeige ich ausgedehnte und strittige Debatten auf, die das vermeintlich akzeptierte Wissen umgeben, das Wilber benützt, um sein integrales Rahmenwerk zu konstruieren.

Indem ich zeige, dass die Pfeiler seines integralen Rahmenwerks nicht die orientierenden Verallgemeinerungen der hauptsächlichen wissenschaftlichen Disziplinen sind, ist das nicht dasselbe, als würde ich zeigen, dass sie falsch sind. Deshalb untersuche ich zweitens die Gültigkeit der Argumente, die Wilber von seinen Quellen in allen von ihm diskutierten Hauptgebieten ableitet. Der Brennpunkt liegt hier auf der Beweislast für seine Behauptungen, der Logik seiner Argumente und Behauptungen und den Problemen der evolutionären und Entwicklungsmodelle.

Meine Kritik an Wilbers Synthese untersucht dann seine Methodologie. Ich behaupte, dass er nicht wirklich seine eigene Methode der orientierenden Verallgemeinerungen benützt und ich beschreibe die tatsächliche Methode, die er statt dessen benützt. Ich zeige weiterhin auf, weshalb eine solche Methode überhaupt nicht brauchbar ist. In der philosophischen Sektion erkläre ich Wilbers unerwähnte philosophische Behauptungen und zeige auf, wie sie sowohl problematisch in sich selbst als auch voreingenommen gegenüber unterschiedlichen philosophischen Zusagen sind, welche von seiner einschließenden Synthese ausgeschlossen werden, weil sie Wilbers Behauptungen widersprechen.

Nach dem Aufzeigen der Probleme bei Wilbers Quellen und Argumenten präsentiere ich dann einen unterschiedlichen Pfad, der denen zugänglich ist, die sowohl Rationalität als auch Selbstentwicklung wertschätzen. Ein Teil dieses Pfades folgt der Rationalität bis an ihre Grenzen und schlägt vor, dass dies eine Allee ist zu non-dualen Wahrheiten. Ein weiterer Teil des Pfades untersucht die psychologischen Untermauerungen des Glaubens und zeigt auf, wie diese Untersuchung Wahrheit und Objektivität verändern kann und das hat das Potenzial, eine erfolgreichere Debatte und Selbsterkenntnis zu schaffen.

Ich erläutere dann diese Untersuchung der psychologischen Gründe des Glaubens, indem ich frage, weshalb Wilber das von ihm konstruierte System aufgebaut hat. Wenn es, wie ich gezeigt habe, nicht zu den Tatsachen passt und auf diese Weise seine Existenz nicht von Tatsachen ableiten kann, woher kommt es denn dann? Indem ich Wilbers Journale und andere Quellen benütze, untersuche ich die psychologischen Ursachen seines besonderen Vorgehens gegen die Realität und die psychologischen Zwecke, denen das dient. Das verschafft Einsicht darin, wie intellektuelle blinde Flecke arbeiten und welche Perspektiven letzten Endes aus seiner Synthese ausgelassen werden. Eine Schlussfolgerung bewertet die positiven und negativen Aspekte von Wilbers Denken.

Referenzen

[1] Visser, Frank, Ken Wilber: Thought as Passion, (Albany: SUNY Press, 2003).

[2] Ken Wilber, “Do Critics Misrepresent My Position?,” at www.shambhala.com.

[3] Ken Wilber, Sex, Ecology, Spirituality, (Boston: Shambhala Publications, 1995). Will be referred to as SES throughout the book.

[4] See Michael Zimmerman, “A Transpersonal Diagnosis of the Ecological Crisis,” ReVision, 18(4) and “On Transpersonal Ecology,” ReVision, 19(2). Also P. Wright, “Gender issues in Ken Wilber's transpersonal theory,” ReVision, 18(4) and “Difficulties with integrating the feminine,” ReVision, 19(2).






© Jeff Meyerhoff 2006

Übersetzt von Hans-Peter Lin