INTEGRAL WORLD: EXPLORING THEORIES OF EVERYTHING
Ein Forum für eine kritische Diskussion über die integrale Philosophie von Ken Wilber



powered by TinyLetter
Today is:
Veröffentlichungstermine von Essays (Monat / Jahr) finden Sie unter "Essays".

Jeff Meyerhoff Jeff Meyerhoff ist ein unabhängiger Gelehrter, der Philosophie, Politik, Mystizismus und Psychologie studiert. Er benützt Aufmerksamkeit und Psychoanalyse zur Selbstentwicklung. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Sozialarbeiter bei Geisteskranken, sucht jedoch nach neuen beruflichen Gelegenheiten. Sein Weblog kann gefunden werden bei philosophyautobiography.blogspot.com . Email at jefriv@comcast.net.


Die Mythen vertreiben

Eine zweite Erwiderung auf Ray Harris
über den arabisch-israelischen Konflikt

Jeff Meyerhoff

Ray Harris erwiderte mit beeindruckender Geschwindigkeit auf meinen Essay über seine Ansichten vom arabisch-israelischen Konflikt, obschon die Schnelligkeit seiner Antwort nicht zu einem kleinen Teil auf das vollständige Fehlen der von ihm dargebotenen Dokumentation zurückzuführen ist. Während es einige Gebiete der Zustimmung gibt, die ich bemerke, bin ich für den größten Teil auf die mühselige Aufgabe beschränkt, die wissenschaftliche Beweislage zu ordnen, die in den meisten Fällen direkt seinen vertrauend undokumentierten Behauptungen widerspricht oder einen Ausgleich anbietet für die weniger wahren, jedoch parteilichen Aussagen, die er macht.

Die alten Mythen sind die besten Mythen

Um die Handlungsweise Israels und der USA gegenüber den Palästinensernnicht zu erwähnen, betont Harris, was er als eine unvermeidbare Tendenz zur Unterdrückung im Islam ansieht. In seiner Antwort an mich jedoch schreibt er, um meiner Behauptung der amerikanisch-israelischen Zurückweisung zu begegnen, einen alternativen Bericht über die Geschichte der arabisch-israelischen Beziehungen im zwanzigsten Jahrhundert. Bei seiner Auflistung von positiven israelischen Aktionen und negativen palästinensischen und arabischen Aktionen ist auffallend, dass es sich so anhört, als wäre es einer Zeitkapsel entnommen, die 1982 begraben wurde. Seine Beispiele sind durch die veraltete, triumphalistische Rhetorik eingerahmt, die als Geschichte in Israel durchzugehen pflegte, die jetzt jedoch durch die Integration von Israels revisionistischer Geschichtsschreibung der „neuen Historiker’’ ersetzt wird. Man muss sich nicht bloß auf die Seite der neuen Historiker schlagen, doch das Spektrum der Debatte hat sich verändert und man bleibt zurück, indem man naiv zionistische Propaganda vom Stapel lässt, wenn das volle Spektrum der Forschung nicht beachtet wird. Hier sind die Hauptmythen:

Der Mythos der gierigen, ununterscheidbaren arabischen Horde

Der Dunsthauch von Vorurteilen, der aus Harris’ Arbeit hervorweht, kommt teilweise von seinen manchmal aufgewühlten, manchmal ungezwungenen Anspielungen auf „die Araber’’, als wären sie alle das gleiche Volk. Sind diese „Araber’’ die Perser Irans oder die multikulturelleren Araber Libanons? Sind sie die Unterstützer von bin Laden oder die Verächter bin Ladens? Sind sie die weltlichen Gemäßigten oder die islamischen Fundamentalisten? Die herrschenden Eliten oder die beherrschten Massen?

In den USA ist es jetzt ein klischeehaftes Erste-Welt-Stereotyp zu sagen, dass alle jene – Schwarze, Chinesen, Inder, Asiaten – gleich aussehen, Harris jedoch bleibt dabei, die Idee zu verbreiten, dass man sich auf „die Araber’’beziehen kann als eine gewaltige, anti-jüdische Wesenheit und dass ihr gesamtes Land zusammengezählt werden könne und dass daran gezeigt werden kann, dass es viel größer sei als Israels Land. „In diesem Fall sage ich zu Meyerhoff, wenn es um Land geht, dann geht es um den verblüffenden Geiz der Araber. Mit all dem Land und all dem Gas und Öl können sie es sich leisten, großzügig zu sein. Sie haben eine Menge Land und die Juden wollen nur ein bisschen.’’ Ist das eine Projektion des engstirnigen Stereotyps vom geizigen Juden auf den anderen?

Auf die kleine Ausdehnung Israels zu zielen im Vergleich zu den zusammengefassten arabischen Staaten, ist naiv und ein gefährlicher gesetzter Präzedenzfall. (Das widerspricht ebenso seiner Erklärung, dass Israel sich in seine Grenzen vor 1967 zurückziehen sollte). Sollten wir sagen, dass das kleine Japan die Mandschurei verdient und dass seine Übergriffe auf die Chinesen gerechtfertigt wären? Als ich ein Schuljunge war, zeigte man mir eine Karte des Nahen Ostens mit dem kleinen Israel in Blau und allen arabischen Staaten in Rot. „Armes kleines Israel.’’ Als Kind verstand ich nicht, dass das ein Propaganda-Werkzeug war und ich wusste nicht, dass es Unterschiede zwischen jener ununterscheidbaren arabischen Horde geben sollte. Erstaunlicherweise haben Araber, ganz wie andere menschliche Wesen, ungleiche Gefühle für und Bindungen an ihre Länder.

Harris schreibt, dass „Meyerhoff leider dem Mythos anheim fällt, dass die Probleme im Nahen Osten alle dem imperialistischen Eingreifen von außen zu verdanken sind. Die Wirklichkeit ist, dass der Nahe Oster schwierig unter Kontrolle zu bekommen ist.’’ Ich werde das Thema des imperialistischen Einflusses weiter unter behandeln. Hier möchte ich die Aufmerksamkeit auf Harris’ Redewendung „schwierig zu kontrollieren’’ lenken: als obläge es uns vernünftigen, aufgeklärten Westlern, jene hitzköpfigen, hinterwäldlerischen Nahöstler „zu kontrollieren’’. Vielleicht meint er es nicht auf diese Weise, es ist jedoch befremdend, von einer weiten Region der Welt zu denken, als wenn sie von irgendeiner äußeren Macht kontrolliert werden müsste.

Und in einer seltsamen, kognitiv abweichenden Tirade erkennt Harris sowohl die imperialistischen Bestrebungen der Westmächte im Nahen Osten an – mutmaßlich eine schlechte Sache – und eifert dann, dass die Araber ohne diese in einer schlechten Verfassung wären. „Lassen Sie mich tatsächlich Meyerhoff diese Frage stellen – was wäre im Nahen Osten geschehen, wenn die westlichen Mächte überhaupt nicht eingebunden gewesen wären, wenn sie ihre imperialistischen Bestrebungen für sich behalten hätten und eine isolationistische Annäherung eingenommen hätten?...Alle jene heben mal die Hand, die denken, dass der Nahe Osten in einen Bürgerkrieg abgesunken wäre, bis einer oder mehr Kalifen/Diktatoren sich erhoben (die dann immer noch westliche Technologie gebraucht hätten, genauso wie die Osmanen es taten – vorrangig militärisch?)’’

Ich vermute, wir werden es nie wissen, doch vielleicht wären sie unbehindert auf dem moralisch progressiven, evolutionären Bahnverlauf vorangeschritten, den Wilber für alle sozialen Gruppierungen beschreibt. Die Frage ist nicht ob westliche Staaten sich im Nahen Osten engagieren und dort einschreiten sollten, die Frage ist was sie tun und wem ihre Aktionen wehtun und helfen.

Der Mythos der nur-arabischen Aggression

Harris beschreibt „den Krieg von 1948, in dem benachbarte arabische Staaten den neuen Staat Israel am Vorabend seiner Ausrufung angriffen.’’ „Die israelischen Grenzen sind jedes Mal erweitert worden, wenn die Araber Israel angriffen. Das Schlüsselwort hier ist 'Angriff'. Wenn die Araber nicht gegen die UN-Erklärung gekämpft hätten, die Israel schuf, wäre Israel kleiner als es jetzt ist.’’

Dieser Mythos ist ein gutes Beispiel dafür, weshalb es schwierig ist, gegen Harris zu erwidern. Er macht wiederholt diese überbreiten Verallgemeinerungen ohne Zitate. Sie säuberlich als falsch zu entlarven, erfordert eine Menge Arbeit. Die Aussagen oben schließen tatsächlich vier von sieben Mythen von Die Geburt Israels ein, was Simha Flapan als falsch entlarvt, indem er Archivmaterial benützt. Zum Beispiel hinsichtlich der Zurückweisung der Teilung durch palästinensische Araber schreibt Flapan:

Das war nicht die ganze Geschichte. Während der Mufti wirklich fanatisch war in seiner Opposition gegen die Teilung, antwortete die Mehrheit der palästinensischen Araber, auch wenn sie ebenfalls opponierten, nicht auf seinen Aufruf zum heiligen Krieg gegen Israel. Im Gegenteil, vor der Unabhängigkeits-Erklärung Israels am 14. Mai 1948 unternahmen viele palästinensische Führer Anstrengungen, um einen modus vivendi zu erreichen. Es war nur Ben Gurions tiefe Opposition gegen die Schaffung eines palästinensischen Staates, die den palästinensischen Widerstand gegen den Aufruf des Mufti untergrub.

In jedem der Kriege, die die arabischen Staaten und Israel kämpften, gab es eine verwickelte Kette von Ereignissen, die entweder zu dem israelischen Angriff oder dem arabischen Angriff führten. Wenn man den Eindruck erweckt, dass es die Araber waren, die die Angriffe durchführten, ist das bloß parteiische Mythen-Mache.

Der Mythos der israelischen militärischen Unterlegenheit:
Der israelische David tritt gegen den arabischen Goliath an

Harris behauptet ohne Zuordnung: „Der Krieg offenbarte ebenso die Schwäche der Araber (trotz ihrer militärischen Überlegenheit zu jenem Zeitpunkt)”. Im Gegensatz dazu erfahren wir von Rashid Khalidi, dass „wie die israelischen neuen Historiker gezeigt haben, sind viele Elemente der palästinensischen standardmäßigen Darstellung tatsächlich durch Archivforschung zur Kenntnis gebracht worden. Diese schließen ein… die absolute Übermacht der Zionisten und später der israelischen Streitkräfte gegenüber jenen ihrer Gegner im Feld während der meisten Stufen des Konflikts von 1947-49.“ [1]

Gleichermaßen schreibt Ilan Pappe, sich auf den Krieg von 1948 beziehend: „Dass die Araber es überhaupt geschafft haben, einen Soldaten ins Feld zu schicken, ist bemerkenswert.“ „Der Mangel an Munition, lange Nachschubwege und das Fehlen von militärischer Übung ließ die arabische Seite unfähig erscheinen, den israelischen Streitkräften zu widerstehen, die trotz einer ähnlichen Anzahl von Soldaten erfahrener und besser ausgerüstet waren.’’ [2]

Der Mythos der Extremisten

Harris behauptet, dass es die zionistischen Extremisten waren, die die Probleme in der Periode vor der Staatsgründung auf der israelischen Seite verursachten: Ich streite nicht die Existenz von zionistischen Plänen ab, einen israelischen Staat zu gründen und den Plan, die Araber zu vertreiben. Das ist eine Angelegenheit der Geschichte und es wird allgemein in Israel akzeptiert, dass ein solcher Plan existierte (das Argument geht darum, wie ernsthaft und gewiss der Plan war). Nicht alle jüdischen Einwanderer waren jedoch zionistische Hardliner, tatsächlich gibt es viele jüdische Kritiker des Zionismus.’’

Indem er den Plan, die Araber zu vertreiben, anerkennt, erkennt Harris die Ergebnisse der Arbeit der israelischen neuen Historiker an und, wie er richtig feststellt, gab es jüdische Kritiker des Zionismus, die entscheidende Frage ist jedoch: wer waren die zionistischen Hardliner? Die Meisten würden zustimmen, dass die zionistischen Revisionisten in ihrer absoluten Zurückweisung der palästinensischen Araber die Hardliner waren, Flapan informiert uns jedoch, dass „Ben Gurion [der Führer der zionistischen Sache und der erste Premierminister des neuen Staates] die Aktionen der Revisionisten heftig angriff und sich ihrer Teilnahme an der Regierung und den nationalen Behörden widersetzte. Doch zur gleichen Zeit, als die Araber betroffen waren, trat er [Ben Gurion] für die Grundprinzipien des Revisionismus ein: die Ausdehnung der Grenzen, die Eroberung von arabischen Gebieten und die Evakuierung der arabischen Bevölkerung.’’ [3]

Der Mythos der palästinensischen Flucht

Überraschenderweise wiederholt Harris immer noch die alte Zeitungsente über die Gründe der palästinensischen Flucht während des Krieges von 1948. Er schreibt, dass „es auch wahr ist zu sagen, dass die arabischen Hardliner mit der Furcht vor dem Zionismus spielten, um den nicht-verbündeten Arabern (und Christen) grundsätzlich eine Heidenangst einzujagen. Arabischen Dörflern wurde gesagt, dass die Juden ihre Frauen vergewaltigen und ihre Kinder töten würden. Während des Krieges von 1948 flohen Zehntausende von Arabern aus ihren Dörfern aus ‚Furcht’ vor einem solchen Angriff, nicht weil sie ‚wirklich’ angegriffen wurden. Dies bildete die Masse der Flüchtlinge.’’ Dennoch erkannte Harris schon den zionistischen Plan an, „die Araber zu vertreiben’’. Es gibt jetzt eine weite Dokumentation seiner Umsetzung, einschließlich der buchfüllenden Studie von Benny Morris.

Auf den Eröffnungsseiten von „Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems” bietet Benny Morris die Umrisse einer Gesamtantwort [auf die Frage nach dem Grad der palästinensischen Vertreibung durch die Juden] an: und benützt dabei eine Karte, die die 369 arabischen Städte und Dörfer in Israel (innerhalb der Grenzen von 1949) zeigt, und er führt die Gründe für die Ausreise der örtlichen Bevölkerung gebietsweise auf… In 45 Fällen gibt er zu, es nicht zu wissen. Die Einwohner der anderen 228 Ortschaften gingen unter den Angriffen von jüdischen Truppen, und in 41 Fällen wurden sie mit militärischer Gewalt vertrieben. In 90 weiteren Ortschaften befanden sich die Palästinenser in einem Zustand der Panik in Folge der Eroberung einer benachbarten Ortschaft oder aus Furcht vor einem feindlichen Angriff, oder wegen der Gerüchte, die von der israelischen Armee verbreitet wurden – besonders nach dem Massaker an 250 Einwohnern von Deir Yassin am 9. April 1948, wobei die Nachrichten der Ermordungen das Land wie ein Lauffeuer erfasste. Im Gegensatz dazu fand er nur sechs Fälle von Abwanderung auf Drängen der örtlichen arabischen Autoritäten. [4]

Der Mythos der arabischen Immigration nach Palästina

Harris macht eine flüchtige Anspielung zu einem belasteten Thema in der arabisch-israelischen Debatte, doch ich meine, sie bringt einen Gegenbeweis hervor. Er schreibt: „Die genaue Natur des Ansteigens der arabischen Bevölkerung [vor 1948] ist umstritten. Die Araber sagen, dass es dem raschen Anstieg der Geburtenrate schulde und einige Israelis sagen, dass es der bedeutenden arabischen Einwanderung schulde.’’ Natürlich gibt es kein Zitat, doch die Idee, dass die Masse der nach Palästina eingewanderten arabischen Bevölkerung zur gleichen Zeit wie die Juden einwanderte, wurde in einem Buch dargelegt, das eine Menge an Pressemitteilungen und schwärmenden Betrachtungen von den amerikanischen Hauptmedien erhielt. Das war Joan Peters Buch From Time Immemorial [Seit Urzeiten] von 1984. Die Behauptung war, dass die palästinensischen Araber nicht die einheimische Bevölkerung Palästinas seien, weil sie wie die Juden dorthin in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eingewandert waren. Jenes Buch war schon lange vorher als falsch entlarvt worden als ein Beispiel für irreführende, sogar betrügerische Wissenschaft. [5]

Abschließend

Harris behauptet wieder eine veraltete, triumphalistische Sicht der Geschichte, in der die Araber die einzigen Aggressoren sind, um seine Behauptung zu stützen, dass der Islam eine von Natur aus aggressive Religion sei. Dennoch musste jetzt jene alte, triumphalistische Ansicht sich der Forschung von Israels eigenen „neuen Historikern’’ anpassen. Harris muss es vermeiden, seine fortschrittlichen Helden zu haben – die modernen weltlichen Demokraten – die zu übel handeln oder das ruiniert seinen Glauben an das integrale Vorgehen.

Eine ansteigende Flut hebt einige Boote, versenkt andere

Harris hat einen wichtigen Wechsel vollzogen. Anstatt wie in seinem Originalstück zu sagen „in seiner Essenz ist [der arabisch-israelische Konflikt], so glaube ich, ein Konflikt zwischen zwei widerstreitenden Darstellungen von Identität’’ und es geht nicht um Land, wie ich behauptete, räumt er jetzt ein, dass der Konflikt „um Land geht, aber um Land UND Identität.’’ Das ist eine signifikante Wendung. Doch in einer schmerzhaften Verdrehung umgeht er das Thema des enormen Landverlustes der palästinensischen Bevölkerung – „geschätzte 75% der Besitztümer der palästinensischen Araber vor 1948’’ [6] - Und stattdessen möchte er jetzt argumentieren, dass es in Ordnung sei, die ökonomischen Bedingungen (wie etwa Land) in Betracht zu ziehen, doch wenn wir das tun, dann werden wir entdecken, dass „die jüdische Einwanderung half, einen ökonomischen Aufschwung in Palästina zu schaffen und das verbesserte die Bedingungen der Araber im allgemeinen.’’ Deshalb profitierten die Araber tatsächlich von der zunehmenden jüdischen Präsenz vor der Unabhängigkeit. Weil die Araber wirtschaftlich profitierten, kann das nicht ein Faktor in der arabischen Feindseligkeit gegenüber Israel und den Juden sein, außer wenn sie neidisch wegen des israelischen Erfolgs waren. Doch ist das der Fall? Wir wissen nicht, was diese Behauptungen erhärtet, weil er niemanden zitiert. Meine Untersuchung stellt eine viel kompliziertere und gemischtere Sicht von Palästina während der britischen Mandatsperiode von 1922 – 1948 dar, als Harris’ Bericht des zunehmenden arabischen Wohlstands gemäß Israels wirtschaftlichem Erfolg. Simha Flapan hatte sich auf Sichtweisen wie die von Harris bezogen, als er beschrieb: „Zwei gleichermaßen verdrehte Versionen von sozio-ökonomischer Entwicklung in dieser Periode…In der zionistischen Version brachte die jüdische Einwanderung nach Palästina Zuschüsse für die Entwicklung für alle Einwohner des Landes.’’ [7]

Gab es eine Situation von „zunehmendem Wohlstand in den 20ern und 30ern’’ für die palästinensischen Araber, wie Harris es ohne Zitate behauptet? Rashid Khalidi, ein führender palästinensischer Historiker vermerkt „ein jährliches Anwachsen im Realeinkommen pro Kopf über diese 25 Jahre…von 3,6% für die Araber und 4,8% für die Juden.’’ [8] Während Simha Flapan feststellt: „Die arabische Bevölkerung profitierte bei besseren sanitären Verhältnissen, Gesundheit, Erziehung, Transport und anderen öffentlichen Diensten.’’ [9] Während keine Quelle Verbesserungen zuordnete, die wirklich durch die jüdische Präsenz geschahen, sind diese Indikatoren für „zunehmenden Wohlstand.’’

Daher hat Harris teilweise Recht, es gab eine allgemeine ökonomische Entwicklung in beiden zunehmend getrennten jüdischen und palästinensisch-arabischen Ökonomien. Jedoch schuf die kapitalistische Entwicklung Probleme für die hauptsächlich ländliche palästinensische Bevölkerung. Von 1929-1936 beschreibt Ilan Pappe „eine katastrophale Mischung von landwirtschaftlicher Kommerzialisierung, von zionistischem Drang nach Landerwerb und der Gier der arabischen Prominenz, die das ländliche Palästina, wo 60 Prozent der Bevölkerung lebte in Trümmern zurückließ.’’ [10] Und Flapan schließt daraus: „Die sozio-ökonomische Transformation Palästinas war schneller als die der anderen Länder des Nahen Ostens, doch sie brachte Probleme mit sich, die nicht grundsätzlich unterschiedlich waren von denen der anderen Entwicklungsländer – Landlosigkeit unter den Bauern und Unterbeschäftigung unter den schnell anwachsenden städtischen Massen.’’ [11] Was herauskam war „der Wettbewerb zwischen zwei getrennten nationalen Ökonomien, beide wuchsen rasch, begleitet von einer Modernisierungskrise im arabischen Sektor.’’ [12]

Fügt man zu dieser sozio-ökonomischen Entwurzelung die fortlaufende Hintertreibung des Wunsches der Palästinenser nach Selbstbestimmung und die zunehmende jüdische Einwanderung und die Enteignung palästinensischen Landes hinzu, dann können wir nicht sagen, dass „die Zustände der Araber sich im allgemeinen verbesserten.’’

Die israelischen Araber und die Grenzen der Toleranz

Was ist mit den palästinensischen Arabern, die in Israel nach der Einrichtung des israelischen Staates 1948 verblieben und ihren Nachkommen, die Bürger Israels sind? Sicherlich haben sie von der fortgeschrittenen, industrialisierten israelischen Ökonomie profitiert. Drei buchfüllende Studien, die die ökonomische Situation der israelischen Araber untersuchen, zeigen das gleiche breite Bild. [13]

Die allererste Seite in Lewin-Epstein und Semyonovs Die arabische Minderheit in Israels Ökonomie stellt fest: „Israel ist jedoch eine ethnisch geteilte Gesellschaft, in der die arabische Bevölkerung eine untergeordnete Minderheit ist. Zurückgeblieben bei Bildungserrungenschaften, Lebensstandard und öffentlichen Diensten’’ [14] Diese Situation begann, sobald die arabische Minderheit 1948 ein Teil des neuen Staates Israel wurde. „Die arabische Bevölkerung war sowohl geografisch als auch sozial von der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung abgespalten. Die der Staatsgründung Israels folgende arabische Wirtschaft wurde deutlich geformt durch die extreme räumliche Abtrennung der arabischen Bevölkerung und ihre untergeordnete Position in der israelischen Gesellschaft.’’ [15]

Die Ursache dieser Ungleichheit und Unterordnung besteht aus einer Reihe von Regierungsbeschlüssen, die entwickelt wurden, um das ökonomische Vorankommen der israelischen Araber zu behindern. „Die Gesetze und die Politik, die die arabische Wirtschaft am meisten geschwächt haben, sind diejenigen, die das Eigentum und die Kontrolle von Land beeinflussten. Etwa 34 verschiedene Gesetze haben die Enteignung von privatem arabischen Land in Israel legalisiert, das sowohl den Einwohnern als auch den Flüchtlingen gehörte, und dieser Prozess hält bis heute noch an [1988]…Diese Beschlagnahmen haben geschätzte 75 Prozent der Besitztümer palästinensischer Araber vor 1948 enteignet…Das gesamte beschlagnahmte Land wurde an jüdische Bauern und Ortschaften verteilt.’’ [16]

Aziz Haidar fasst die Situation zusammen:

Die arabische Bevölkerung stellt eine ethnisch-nationale Minderheit dar, machtlos und diskriminiert durch das politische Regime, das von der jüdischen Mehrheit kontrolliert wird. Die Politik der Diskriminierung stammt in erster Linie von der Natur Israels als eine kolonisierende Gesellschaft und von seiner Definition als ein jüdisch-zionistischer Staat, dessen Zweck es ist, die ausschließlichen Rechte der jüdischen Mehrheit zu sichern und als ein Staat für die jüdischen Menschen zu dienen. Gemäß den Bedingungen dieser Definition kann die arabische Minderheit kein gleichwertiger Partner in der israelischen Gesellschaft sein, denn die durch den Staat kontrollierten Ressourcen sind nutzbar gemacht worden für die Entwicklung und das Wohl der Mehrheit, das führt zu immer mehr sich ausweitenden Lücken zwischen den beiden Bevölkerungen. [17]

Islamische Toleranz und Intoleranz

In seiner Erwiderung an mich unternimmt Harris eine tüchtige Anstrengung, um zu zeigen, dass vormoderne, islamische Regime nicht tolerant gegenüber Minderheiten waren, dabei widerspricht er dem von mir vermuteten Anspruch, dass vormoderne islamische Staaten und Reiche in seinen Worten „Leuchtfeuer der Toleranz’’ waren und in günstiger Weise mit modernen weltlichen Demokratien wie Israel und den USA vergleichbar wären. Er betont, dass die vormoderne nahöstliche und muslimische Herrschaft über religiöse Minderheiten generell intolerant war, während er ebenso anerkannte, dass „zu verschiedenen Zeiten waren manche [tolerant und]…Zu verschiedenen Zeiten kamen einige Juden voran.’’ Der Druck von Harris’ Bemühungen lässt durchblicken, dass er meint, wir debattierten darüber, ob der Islam, wenn er vor dem 20. Jahrhundert an der Macht war, mehr oder weniger tolerant gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten war als moderne weltliche Demokratien. Doch das ist nicht der strittige Punkt. Ich habe klar festgestellt: „Ich zitiere diese Geschichte [relativer muslimischer Toleranz], nicht um eine Rückkehr zu theokratischer Herrschaft zu befürworten – demokratische weltliche Gesellschaften sind sicherlich überlegener beim Beschützen von Minderheitsrechten – sondern um zu demonstrieren, dass es eine mannigfaltigere muslimische Geschichte gibt, als es Harris zulässt und dass ökonomische und territoriale Bedingungen eine große Rolle spielen bei der Bewertung des Verhaltens jener, die Harris als zu Repression durch religiöses Dogma und Eiferertum neigend darstellt.’’

Ich zitierte jene Gelehrten, die die vormoderne muslimische Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten dokumentierten, weil ich meinte, dass es Harris’ Standpunkt war, dass Mitglieder monotheistischer Religionen nicht in der gleichen Gesellschaft leben könnten wegen der Unterschiede in ihren religiösen Darstellungen, die um die Dämonisierung von anderen Monotheisten herum konstruiert sind. Und weiterhin, dass der arabisch-israelische Konflikt im Zentrum um religiöse Intoleranz geht.

Ich präsentierte wissenschaftliche Beweise für mehr Toleranz in der islamischen Vergangenheit als in heutigen repressiven, islamischen Staaten, um erstens zu zeigen, dass es ein Spektrum an Freiheit gibt, das der Islam zulassen kann (dennoch niemals so viel wie der moderne weltliche Staat); zweitens, dass Harris’ Vermutung, dass der Islam von Natur aus repressiv sei nach dem Modell der gegenwärtigen islamischen Staaten, falsch ist; und drittens, dass es eine Vielfalt an Toleranzebenen sogar in monotheistischen Staaten gibt und dass widerstreitende Darstellungen nicht die zentrale Erklärung sein können, weil sie gegensätzliche Darstellungen seit ihren Anfängen hatten. Wir müssen auf andere bestimmende Faktoren des Konflikts schauen.

Die größere Intoleranz von islamisch-arabischen Regimen im Vergleich mit ihren toleranten historischen Vorfahren ruft nach mehr Erklärung, wenn - wie Harris in seinem ersten Stück sagte - die religiöse Darstellung und Identität die zentrale zu untersuchende Determinante sei. Doch wenn es Harris’ Standpunkt bloß ist, dass monotheistische religiöse Staaten intoleranter sind und weniger Freiheiten anbieten als moderne weltliche Demokratien, dann stimmen wir dem bei. Wir dürfen jedoch widersprechen, dass die größere Toleranz des Säkularismus gegenüber Minderheiten innerhalb seiner Grenzen überhaupt den Menschen eine Hilfe ist, die seiner Aggression außerhalb seiner Grenzen ausgesetzt sind. Israels heimische Toleranz ist der Intoleranz gegenwärtiger islamischer Regime überlegen, doch Israels scheußlicher Menschenrechts-Bericht gegenüber den Palästinensern unter seiner Kontrolle außerhalb seiner Grenzen vor 1967 ist genauso schlimm wie der der am meisten repressiven islamisch-arabischen Regime. Oder man untersuche das Übelkeit verursachende Verhalten der USA gegenüber Mittel – und Lateinamerika in den 1980ern.

Daher ist es sehr leicht, Harris’ Fragen an mich zu beantworten: „Wie erklärt Meyerhoff die Position der Araber in Israel heute? Er sagt, sie seien Bürger zweiter Klasse. Sind sie das?’’ Ich habe keine Mühe, die Position der Araber in Israel heute zu erklären. Ihre Existenz ist gemäß der Übermacht eines weltlichen demokratischen Staates und, jawohl, sie sind Bürger zweiter Klasse, wie die von mir zitierten wissenschaftlichen Studien demonstrieren.

Doch ich würde gern den Punkt noch etwas weiter verfolgen, weil Harris’ tendenziöse Lesart der islamischen Vergangenheit gegen die von mir gelesene ausgewogenere Wissenschaft läuft.

In einem seiner seltenen Zitate gibt Harris vor, den Rangältesten der islamischen Gelehrten Bernard Lewis zu zitieren. Es sieht so aus, als wäre das meiste des Zitats tatsächlich von einem Moise Rahmani, [18] Aber es würde wahrscheinlich Lewis’ Ansichten von den schlechten Bedingungen widerspiegeln, in denen die Juden während der Ära der muslimischen Herrschaft lebten. Merkwürdigerweise steht das scharf im Widerspruch zu den Bemerkungen, die von Benjamin Braude und Bernard Lewis in ihrer Sammlung mit dem Titel Christen und Juden in dem osmanischen Reich [19] gemacht werden, das immer noch der hervorragende Richtwert in diesem Studiengebiet ist. Der einführende Abschnitt für die gesamte zweibändige Sammlung bemerkt:

“Für fast ein halbes Jahrtausend beherrschten die Osmanen ein Reich, das so verschiedenartig war wie kein anderes in der Geschichte. Bemerkenswerterweise funktionierte diese Vielvölker- und Vielreligions-Gesellschaft. Muslime, Christen und Juden beteten und studierten Seite an Seite, indem sie ihre unterschiedlichen Kulturen bereicherten. Die legalen Traditionen und Praktiken jeder Gemeinschaft, besonders in Angelegenheiten des Familienstands – d.h. Tod, Heirat und Erbschaft – wurden durch das Reich respektiert und durchgeführt…Gelegenheiten für sozialen Aufstieg und Wohlstand standen in unterschiedlichen Graden allen Untertanen des Reichs offen.’’

Die Autoren warnten jedoch vor zwei überhand nehmenden Mythen: „Einer beschreibt die Muslime als blind ergeben, intolerant, unterdrückend; das bekannteste Bild ist das von Gibbon: die legendäre Figur eines fanatischen Kriegers, der aus der Wüste geritten kommt, mit dem Koran in einer Hand und dem Schwert in der anderen, seinen Opfern eine Wahl zwischen den beiden anbietend. Der andere Mythos ist der eines religionsübergreifenden, gemischtrassigen Utopia, in dem Muslime, Christen und Juden in Gleichheit und Harmonie in einem goldenen Zeitalter freier intellektueller Bestrebungen zusammenarbeiteten. " [20]

Eine weitere Quelle, die ich in meiner Erwiderung auf Harris erwähnte, war Bruce Masters „ein hervorragender Experte der osmanisch-arabischen Geschichte.’’ [21] Sein Christen und Juden in der osmanisch arabischen Welt nimmt ähnlich Stellung wie das oben erwähnte von Braude und Lewis. Man bemerke den Unterschied im Ton zwischen Harris und Masters, wenn man nicht Harris’ Süppchen kochen muss.

Indem er Braude und Lewis folgt, räumt Masters die extremen Ansichten von islamischer Herrschaft ein: „Westliche Gelehrte und Beobachter von muslimischen Gesellschaften haben alternativ dem Islam als einem normativen sozialen Konstrukt religiöse Toleranz und Fanatismus zugeschrieben. Beide Charakterisierungen sind möglich, da muslimische Staaten diese gegenteiligen Tendenzen historisch zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten manifestiert haben.." [22]

Indem er meine Fokussierung auf materielle Motivationen bei Sozialkonflikten bestätigt und im Gegensatz zu Harris’ Betonung einer religiösen Motivation für den islamischen Imperialismus, schreibt Masters: „Trotz des westlichen Stereotyps muslimischer Eroberer mit dem Schwert in einer Hand und dem Koran in der anderen, erwarteten Muslime nicht, dass ihre neuen Untertanen den Islam umarmten. Eher war ihrer ein auf politische Kontrolle und Kriegsbeute ausgerichteter Krieg, nicht auf die Herzen und Gemüter der Ungläubigen, die ein „Buch“ besaßen [d.h. andere Monotheisten; sie waren Polytheisten gegenüber weniger tolerant]"' [23]

Harris’ Verlangen, die negativen Aspekte des Islam zu betonen, ergibt ein verdrehtes Bild des Ganzen und verschafft den Eindruck, dass der an der Macht stehende Islam gemäß seiner Glaubensüberzeugungen, die das konstituieren, weitgehend intolerant sei. Doch an die historischen Variationen beim Grad der islamisch-arabischen Toleranz ist wichtigerweise zu erinnern wegen gegenwärtiger islamischer Bewegungen, die versuchen, eine islamische Demokratie zu schmieden. In der neuesten Ausgabe von Harper’s Magazine berichtet Ken Silverstein über seine ein Jahr dauernde Reise durch den Nahen Osten und das Potenzial für eine selbstgezogene islamische Demokratie, die er gefunden hat. Silverstein berichtet über die Ansichten von „Alastair Crooke, früher vom MI6 [britischer Geheimdienst] und Chef des Konfliktforums”, das „eine kleine Gruppe pensionierter westlicher Diplomaten und Geheimdienstler” ist.

Nach seiner [Crookes] Ansicht sehen amerikanische und britische Analysten einen „Zusammenstoß der Zivilisationen” zwischen dem Westen und dem Islam, während sie einen fundamentalen Kampf innerhalb des Islam selbst verpassen, zwischen „Anhängern der Erweckungsbewegung“(Revivalisten), die eine Wahlpolitik als einen Pfad zum Gewinnen eines Anteils an der Gesellschaft ansehen und den „Revolutionären“ wie Al Qaeda, die jenen Pfad ablehnen. Der politische Dialog mit den Revivalisten ist dringend erforderlich, weil das anti-westliche Gefühl, das durch den Irakkrieg entzündet wurde, nach Crookes Meinung das Pendel auf Osama bin Laden hin verschiebt. [Und Silverstein bemerkt] Die arabische Presse macht gewöhnlich einen ähnlichen Unterschied: Sie benennt Crookes Revivalisten als „nationale Islamisten“ und die Revolutionäre als „internationale Jihadisten.“ [24]

Da ich aus einem Land komme mit einer starken Tradition der Trennung zwischen Kirche und Staat, bin ich misstrauisch gegenüber dieser engen Verbindung von Religion und Demokratie, doch es sollte daran erinnert werden, dass der Nahe Osten viele Jahrzehnte lang Erfahrung hat mit parlamentarischer Demokratie europäischen Stils.

Harris missversteht ebenfalls unseren Streitpunkt in seiner Erwiderung auf meine Bemerkung, dass israelische Araber in Israel Bürger zweiter Klasse seien. Er scheint diese Beschreibung nicht zu mögen, doch seine Erwiderung muss sagen: „Welches Land ist frei von Rassismus und Diskriminierung? Wie ergeht es Latinos und Afro-Amerikanern in den USA? Gibt es keine rassische, religiöse oder ethnische Diskriminierung in der arabischen Gesellschaft? Hält Meyerhoff an Juden einen höheren Maßstab an?“ Dies ist eine reflexartige Verteigungshaltung von einem, der es nötig hat, seinen auserwählten Helden – Israel – als Sieger zu erklären. Ich bezog mich auf den Status der Zweitklassigkeit der israelischen Araber nicht, um zu sagen, dass dies zeigt, dass die israelische Gesellschaft oder die Juden schlechter seien als die islamischen arabischen Staaten – es ist offensichtlich eine tolerantere Gesellschaft und sollte dafür auch gelobt werden – doch um bloß anzuerkennen, dass moderne weltliche Demokratien im allgemeinen besser seien beim Respektieren von Minderheiten als theokratische Staaten, da besteht ein Ausmaß an Diskriminierung. Die Forschungsergebnisse, die ich oben präsentierte und die die ökonomische und legale Situation israelischer Araber betreffen, demonstrieren das.

Darüber hinaus sollte daran erinnert werden, dass „Israel erklärtermaßen als ein Staat einer Gemeinschaft gegründet wurde, die auf ethnischen und religiösen Grundlagen basiert. Der Staat Israel wird definiert als ‚der Staat des jüdischen Volkes’: ‚und findet seine logische Grundlage in der Ideologie des Zionismus. Die Unabhängigkeitserklärung definiert den Staat als einen ‚jüdischen Staat im Land Israel: ‚und die Gesetze, die eingeführt wurden seit seiner Gründung, haben den Charakter als ein jüdischer Staat verstärkt.’’ [25]

Gesetzlich ist Israel in erster Linie das Land der Juden und in zweiter Linie das Land aller israelischen Bürger. Deshalb können die israelischen Juden palästinensisches Land in Israel enteignen und lassen das als gesetzlich erscheinen. Daher ist Israel auch nicht eine völlig weltliche Gesellschaft.

Immigration

Harris meint irrtümlich, dass es eine Art Doppelmoral oder Widerspruch zwischen dem allgemeinen Unterstützen der linken Progressiven für die Immigranten gibt und ihrer Kritik der jüdischen Einwanderung nach Palästina vor 1948, doch da gibt es keinen Widerspruch. Immigration ist in Ordnung, solange sie nicht die einheimische Bevölkerung vertreibt. Ich bin ein linker Progressiver und ich komme gut klar mit Vietnamesen oder Irakern oder Haitianern, die in die USA kommen - Einwanderer immigrieren in der Regel in das Land, das sie missbraucht – doch ich akzeptiere nicht jene Puritaner, die in die USA kamen oder jene, die Australien besiedelten und in diesem Prozess die eingeborene Bevölkerung töteten und vertrieben. Und wie die amerikanischen Indianer waren die Araber von Palästina bereit, mit den Fremden zu leben, solange sie nicht durch deren Anwesenheit benachteiligt wurden. Die Frage ist nicht, ob eine gewisse Abstraktion „Immigration’’ als gut oder nicht gut benennt, es geht darum, was die Immigranten und die eingeborene Bevölkerung tun. In Harris’ Bericht wollten die gutwilligen Juden nur friedllich in Palästina leben, bis die voreingenommenen Araber sie angriffen, weil sie Juden waren. Seine verkürzte Version ging wie folgt: „Viele von ihnen[den Juden] lebten friedlich und kooperativ mit ihren arabischen Nachbarn zusammen. Was geschah? Nun, was geschah, das war die arabische Rebellion der 20er und 30er und der Krieg von 1948, in dem benachbarte arabische Staaten Israel angriffen am Vorabend seiner Ausrufung.’’

Du meine Güte! Was fällt jenen gemeinen Arabern ein, dass sie solche Sachen machen?! Eine Aussage wie diese enthüllt Harris’ anti-arabisches Vorurteil. Die Zitate, die ich weiter oben und unten dargeboten habe, beweisen die Lüge dieser lächerlichen historischen Karikatur.

Über die Debatte

Ein anderes Thema, das von einigen von Harris’ Kommentaren angeschnitten wird, hat mit der Natur der Debatte zu tun. Er macht eine eigenartige Aussage zu Beginn seiner Schlussfolgerung. Er schreibt: „Alles, was Meyerhoff getan hat, ist das Sammeln einiger alternativer Ansichten. Na und? Jeder der dieses Thema studiert hat, weiß, dass diese Stimmen existieren und weiß ebenfalls von der Kontroverse um Finkelstein und Chomsky.’’

Es ist nicht deutlich, was die Alternative „das Sammeln einiger alternativen Ansichten’’ bedeutet. Ist das nicht bloß eine herabsetzende Weise, die Debatte selbst zu beschreiben? Sie bieten eine Ansicht dar und dann biete ich eine Ansicht dar. Ist Harris’ Ansicht nicht-alternativ, irgendwie weiter, inklusiv, integral? Sie scheint das nicht zu sein, wenn sie keinerlei Quellen angibt, inklusive meiner „alternativen Ansichten’’ noch die von mir zitierten Quellen. Daher sage ich als Antwort zu seiner Respektlosigkeit „Na und?’’ „Sie verachten die Debatte, und darum geht es hier.’’

Und was die Finkelstein und Chomsky Kontroversen betrifft, lässt Harris sich das so anhören, als hätte kontrovers zu sein irgendeine Verbindung dazu, ob das wahr ist, was jemand sagt. Es ist die Frage nach Wahrheit, die wir beantworten wollen, ob unsere Quelle kontrovers oder nicht-kontrovers ist, das ist ein möglicher Indikator der Wahrheit, jedoch meistenteils zufällig. Sicherlich ist Finkelstein eine kontroverse Gestalt, doch ich verstehe nicht, was das mit den Zitaten zu tun hat, die ich benützte. Erstens benützt er die Arbeit zweier anerkannter israelischer Historiker und zweitens beschreibt er die Aufzählung von amerikanisch-israelischen Einzelstimmen, die die unzähligen UN-Resolutionen ablehnten, die der Rest der Welt befürwortete. Wir müssen uns nicht um Finkelsteins Ruf kümmern, wir müssen bloß entscheiden, ob das von ihm Behauptete richtig ist. [26]

Darüber hinaus ist das Maß an Kontroverse abhängig vom Kontext. Die Hauptströmung der amerikanischen Meinung Israel betreffend ist so verzerrt, dass Chomsky weniger kontrovers in Israel als in den USA ist. Und er ist sogar weniger kontrovers in gewissen europäischen Ländern, deren überwiegende öffentliche Meinung eine fundamentalere Kritik der amerikanischen Außenpolitik tolerieren kann. Der Ausdruck „kontrovers“ ist eine Beschönigung für „die Infragestellung unserer für gesichert angenommenen Behauptungen’’. Ob die „kontroverse’’ Person den Holocaust ableugnet oder nahe legt, dass die USA nicht immer mit edlen Absichten handeln, man muss ihr mit validen Fakten und Argumenten begegnen.

Dem Argument zuliebe lassen Sie uns jedoch Finkelstein zur Seite nehmen und jemandem zuhören, der weniger „kontrovers’’ ist, dem früheren israelischen Außenminister Shlomo Ben-Ami, einem Politiker, Historiker und Autor des Buches Scars of War, Wounds of Peace [Die Narben des Krieges, die Wunden des Friedens]. Er debattierte mit Finkelstein in der Radiosendung "Democracy Now" [Demokratie jetzt] veranstaltet von Amy Goodman, und seine Ansichten sind überraschend: tatsächlich sollte er als ein Antisemit in den USA gegeißelt werden. [27] Hier ist ein Auszug:

AMY GOODMAN: Sie haben einige sehr starke Zitate in Ihrem Buch, eigene und auch Zitate anderer, wie Berl Katznelson, der der Hauptideologe der Arbeiterbewegung ist, dabei wird anerkannt, dass als Folge der arabischen Aufstände von 1929 die zionistische Unternehmung eine Unternehmung der Eroberung war. Sie sagen ebenfalls: „Die Realität vor Ort war die einer arabischen Gemeinschaft in einem Zustand des Schreckens, die einer rücksichtslosen israelischen Armee, deren Pfad zum Sieg gepflastert war nicht nur mit ihren Heldentaten gegen die regulären arabischen Armeen, sondern ebenso mit der Einschüchterung und zeitweiligen Grausamkeiten und Massakern, die sie gegen die arabische Zivilgesellschaft beging. Eine von Panik ergriffene arabische Gemeinschaft wurde entwurzelt unter der Wirkung von Massakern, die in das arabische Monument von Kummer und Hass eingemeißelt werden sollten.“ Erklären Sie das doch weiter.

SHLOMO BEN-AMI: Nun, sehen Sie, es gibt eine ganze Reihe von neuen Historikern, die in die Quellen des – die Ursprünge des Staates Israel gegangen sind, unter ihnen haben Sie Avi Shlaim erwähnt, doch da sind viele, viele andere, die die Beweise für das aufgedeckt haben, was tatsächlich vor Ort vorgegangen ist. Und ich muss direkt zu Beginn sagen, dass der Hauptunterschied zwischen dem, was sie sagen und meiner Sicht der Dinge nicht die Fakten sind. Die Fakten, sie haben absolut Recht beim Erwähnen der Fakten und beim Zurechtrücken der Darstellung…

Und unsere Rolle, die Rolle dieser Generation – deshalb bin ich in die Politik gegangen und deshalb versuche ich, meinen bescheidenen Beitrag zum Friedensprozess zu leisten – ist, dass wir dieser Ungerechtigkeit ein Ende machen müssen, die den Palästinensern zugefügt wurde. Wir müssen eine Linie ziehen zwischen einem israelischen Staat und einem souveränen palästinensischen Staat und das Problem auf die uns bestmögliche Weise lösen, indem wir den Flüchtlingen die notwendige Wiedergutmachung geben, indem wir die Flüchtlinge in den palästinensischen Staat zurückbringen, auf keinen Fall in den israelischen Staat, nicht weil es unmoralisch ist, sondern weil es nicht durchführbar, nicht möglich ist. Wir müssen auf eine realistische Weise handeln und schauen, welche die Bedingungen für einen endgültigen Friedensvertrag sind. Ich glaube, dass wir sehr, sehr nahe an diesen endgültigen Friedensvertrag gekommen sind. Leider haben wir ihn nicht geschlossen. Doch wir kamen sehr nahe heran im Jahr 2001.

AMY GOODMAN: Bevor wir zu diesem Friedensvertrag kommen, kommt etwas anderes, was Sie gesagt haben. „Israel als eine Gesellschaft hat ebenfalls die Erinnerung an seinen Krieg gegen die einheimischen Palästinenser unterdrückt, weil sie nicht wirklich mit der Tatsache ins Reine kommen konnte, dass sie die Araber vertrieben hat, Grausamkeiten gegen sie begangen hat, sie enteignet hat. Das war wie ein Zugeben, dass der edle jüdische Traum von Eigenstaatlichkeit für immer befleckt würde durch die größere Ungerechtigkeit, die gegen die Palästinenser begangen wurde und dass der jüdische Staat in Sünde geboren wurde.’’ Ich glaube, dass eine Menge Leute überrascht sein werden zu hören, dass der Autor dieser Worte der frühere Außenminister von Israel ist.

SHLOMO BEN-AMI: Ja, doch gleichzeitig ein Historiker. Ich versuche, so fair wie möglich zu sein, wenn ich die Vergangenheit betrachte, es ist aber ein sehr interessanter Punkt, den Sie hier zur Sprache bringen, dass wir versuchten, die Erinnerung an unseren Krieg gegen die Palästinenser auszuradieren und die gesamte israelische Mythologie von 1948 basiert auf unserem Krieg gegen die einmarschierenden arabischen Armeen, weniger als gegen die Palästinenser, die die schwächere Seite in dieser Konfrontation waren, weil das nicht dem Mythos der Schaffung des Staates und der Nation dient. Daher müssen wir das korrigieren. Es gibt keinen Weg – es gibt keinen Weg, wie wir die Flüchtlinge und die Palästinenser voll entschädigen können, doch wir müssen unser Allerbestes tun, um einen Weg zu finden, das Leid zu vermindern, das dieser Nation angetan wurde.

AMY GOODMAN: Und Shlomo Ben-Ami, Ihre Atwort auf diejenigen, die sagen, dass zu jener Zeit, zur Zeit der Errichtung des Staates Israel und davor, dass es wirklich leer war, dass die Juden in eine Gegend kamen, die nicht bevölkert war.

SHLOMO BEN-AMI: Das ist natürlich Unsinn. Ich meine, das war bevölkert. Offensichtlich war es bevölkert. Ich meine, es war Israel Zangwill, der als Erster sagte, wir seien – wir kommen als eine Nation ohne Land in ein Land ohne Bevölkerung. Das war offensichtlich nicht wahr, doch noch einmal, ein Teil der Tragödie war, dass die Palästinenser als solche – die palästinensischen Bauern nicht die völlige Kontrolle über ihr eigenes Schicksal hatten. Ein Teil des Landes war von zionistischen Organisationen von den Affendis abgekauft worden, in der Türkei oder anderswo innerhalb des osmanischen Reichs lebenden Grundbesitzern, und diese Menschen wurden unvermeidbar durch diese Arten von Transaktionen zwangsweise vertrieben. Doch insgesamt, so meine ich, war nicht mehr als 6 oder 7% der gesamten Oberfläche des Staates Israel gekauft. Der Rest davon wurde entweder übernommen oder während des Krieges gewonnen.

Das ist erfrischendes Material, aber dennoch sonderbar, es reicht der israelischen Gesellschaft (und jüdischen Kultur) zur Ehre, die so rundherum kritisiert wird, dass eine solch fundamentale Kritik durch einen so hochrangigen früheren Offiziellen geäußert werden kann. Dieses mythen-enthüllende Einvernehmen erfordert starke, liberale Institutionen von freier akademischer Forschung und Redefreiheit.

Externe und interne Schuld

Harris schreibt mir die Ansicht zu, dass es der Westen war, der die Ursache der islamisch-arabischen Unterdrückung war, wo er es doch den Ursprüngen des Islam oder jedes Monotheismus oder den Extremisten in jeder Religion gern zuordnen möchte. Und ich habe wirklich die Rolle des Westens betont und habe drei Gelehrte zitiert, die das bestärken. Oben zitierte ich das Werk von Bruce Masters, der einer der vordersten Gelehrten für das osmanische Reich ist. Er konzentriert sich auf verschiedene westliche Einflüsse, um den aufkommenden Sektierer-Konflikt im Nahen Osten im 19. Jahrhundert zu erklären. Und sicherlich spielte der Kolonialismus und das westliche Zeichnen und Wiederzeichnen der Karte des Nahen Ostens mit geringer Beachtung der dortigen unterschiedlichen Kulturen eine Rolle in den dortigen Problemen. Doch es ist nicht einfach zu sagen, wie das relative Gewicht ist, das den internen und externen Faktoren im Allgemeinen zuzuschreiben ist. Wir müssen uns über jede Situation im Klaren sein, über die wir sprechen.

Eine logische Folge zu Harris’ grob vereinfachender Behauptung, dass die einheimische palästinensische Bevölkerung von der wirtschaftlichen Macht der jüdischen Einwanderer profitierte, ist seine Behauptung, dass „sie [die Palästinenser] einen guten Teil der Schuld für ihre gegenwärtige Notlage tragen. Wie konnten sie sich von einer Periode von zunehmendem Wohlstand in den 20ern und 30ern abwenden, um sich selbst Sanktionen und Embargos und nun einen potenziellen Bürgerkrieg erleidend wieder finden?’’ Aber stimmt es, dass die palästinensischen Araber „einen guten Teil der Schuld tragen’’ oder gab es dort enorme Kräfte, die gegen ihre andauernden Versuche aufgestellt waren, von den 20ern an einen palästinensischen Staat zu schaffen?

Rashid Khalidis neuestes Buch versucht, das Misslingen der Palästinenser bei der Errichtung eines Staates zu beschreiben, indem er sich auf palästinensische Aktionen anstatt auf äußere Kräfte konzentriert. Doch sogar mit dieser Absicht muss er zugeben, dass während der Periode vor 1948 die Palästinenser

„die schwächste aller Parteien waren, die in diesem langwierigen Kampf verwickelt waren, das Schicksal von Palästina zu bestimmen, was 1948 zu einem Höhepunkt kam…Diese Parteien schlossen das Britische Empire mit ein….das sich aktiv palästinensischen angestrebten Zielen für Eigenstaatlichkeit und Unabhängigkeit widersetzte, und andere größere Staaten, unter ihnen die Vereinigten Staaten, die Sovietunion und Frankreich, von denen alle den Zionismus und die Aufteilung Palästinas in einen arabischen und jüdischen Staat unterstützten, die jedoch nichts unternahmen, um die Abtreibung des embryonalen arabischen Staates Palästina 1947-1948 zu verhindern. Sie umfassten ebenso die zionistische Bewegung, die zusammengesetzt war aus einem weltweiten Netzwerk von Institutionen, die in der Lage waren, ausgedehnte diplomatische, propagandistische und finanzielle Ressources zu mobilisieren…Sowohl Britannien als auch die zionistische Bewegung behandelten die Aussicht auf einen unabhängigen arabischen Staat in Palästina als eine ernste Bedrohung…Schließlich gab es die sieben neuerlich unabhängigen arabischen Staaten, alle von ihnen relativ schwach und stark von westlichen Mächten beeinflusst; diese Staaten handelten auf Weisen, die häufig das Interesse der Palästinenser ausschlossen und manchmal ihnen widersprachen.’’ [28]

Als Antwort auf Harris’ Frage: “Wie konnten sie[die Palästinenser] sich von einer Periode zunehmenden Wohlstands in den 20ern und 30ern abwenden, um sich selbst Sanktionen und Embargos und einen potenziellen Bürgerkrieg erleidend heute wieder finden?’’ müssen wir die enorme Menge dessen untersuchen, was in den dazwischen liegenden sechzig Jahren passierte, einschließlich der Katastrophe von 1948 und der brutalen israelischen Besatzung von 1967 bis zur Gegenwart. Doch ich meine, dass es gut und nützlich ist, die Fehler, die Korruption und Unfähigkeit der palästinensischen Führerschaft zu untersuchen, wie es Edward Said, Noam Chomsky und Rashid Khalidi getan haben, doch wir müssen das ins rechte Licht rücken und anerkennen, wer die schwächste Partei in dem Konflikt war.

Schließlich hat Harris Recht, wenn er den Ratschlag erteilt: „Meyerhoff sollte die Aktionen der Mitaraber bei der Verursachung der gegenwärtigen Notlage der Palästinenser erkennen.’’ Die arabischen Regime hatten zu verschiedenen Zeiten entschieden gemischte Gefühle im Hinblick auf die palästinensische Angelegenheit: sie wollten das Land für sich selbst haben, sie haben sie betrogen, vernachlässigten sie oder versuchten, ihnen zu helfen. Darüber hinaus verkauften landbesitzende palästinensisch-arabische „Prominente’’ Land an die einwandernden Juden, dadurch bewerkstelligten sie die Enteignung von palästinensischen Pachtbauern, die jahrelang das Land bearbeitet hatten. Wie ich bereits vorgebracht habe, handeln Staaten und Eliten im Allgemeinen in ihrem eigenen und dem Interesse der Machthaber und überdecken ihre selbstsüchtigen Aktionen mit hochgestochener moralischer Rhetorik, das machen die arabischen Regime, genauso wie es die Israelis und die USA machen.

Was sollte getan werden?

Harris deutete an, er sei für palästinensische Selbstbestimmung – außer wenn eine demokratisch gewählte Hamas an der Macht ist (so viel zur demokratischen Alternative) – und dafür, dass Israel in seine Grenzen vor 1967 zurückgeht. Das klingt wie die internationale Position, der die USA und Israel sich seit mehr als dreißig Jahren widersetzen. Könnte es sein, dass wir abgesehen von dem Gerangel über das, was geschah oder nicht geschah und was jetzt geschieht oder auch nicht, darüber übereinstimmen, was zu tun richtig ist? Das ist schwer zu sagen, weil Harris nicht sagt, was er vorschlägt. Er ist zu sehr fixiert auf ein selbstgefälliges, wilberianisches Beurteilen von Völkern und Gesellschaften: „Er ist grün.’’ „Es ist eine rot-orange Gesellschaft.’’ „Gehöre ich zum zweiten Rang?’’ Als ob das Verstehen einer Sache hieße, ein Etikett darauf zu kleben.

Wenn wir auf das Protokoll der UN - Stimmen schauen, die den arabisch-israelischen Konflikt betreffen, das ich in meinem Stück aufgelistet habe, dann erhebt sich die Frage: Weshalb stehen die USA und Israel so oft allein da gegen die gesamte Welt – einschließlich aller traditionellen amerikanischen Verbündeten? Hat Harris irgend eine andere Erklärung dafür? Sollten es die selbst ernannten und Demokratie liebenden Amerikaner und Israelis nicht wünschen, dass die breite Mehrheit der Weltmeinung erfolgreich ist? Und sollten sie Hamas nicht als die Sieger der demokratischen Wahl tolerieren, die sie angeblich verlangten, besonders da die Palästinenser versuchten, eine Einheitsregierung im Sommer 2006 zu schaffen inmitten Israels Ermordung von 300 Palästinensern im Gazastreifen? Und warum unterstützen die Demokratie liebenden Amerikaner, und haben sie seit vielen Jahren unterstützt, die entschieden islamisch-arabischen Regime, die Harris zu Recht widerwärtig findet? Vielleicht, trotz der Freiheiten, die ihre eigenen Bürger genießen, scheren sich die Machthaber in den USA überhaupt nicht wirklich um Freiheit und Demokratie. Sie scheren sich um politische Macht und ökonomische Kontrolle. Oder ist es der Fall, dass wegen der amerikanischen Macht die USA und Israel überhaupt nicht machen müssen, was sie nicht tun wollen und da die USA die Kontrolle über den Nahen Osten haben wollen, werden sie tun, womit immer sie davonkommen, um es zu erreichen und zu behalten, sogar wenn das bedeutet, dass sie Israel in seiner destruktiven Politik unterstützen – destruktiv für seine Nachbarn und letztendlich für sich selbst.

Schlussfolgerung: Gute Gesellschaft gegen schlechte Außenpolitik

Harris meint, wir diskutierten die Frage, welche Gesellschaft besser sei, die moderne weltliche Demokratie oder die theokratische Demokratie oder die Diktatur, was jedoch wirklich diskutiert wird, ist die Frage, was den gegenwärtigen Konflikt verursacht. Ich behaupte, dass die Gesellschaften, die sich besser aufführen beim Respektieren von Minderheitenrechten und beim Schützen von individuellen Freiheiten – Israel und die USA im Vergleich zu den islamisch-arabischen Staaten – auch die Hauptverletzer und Übertreter des gegenwärtigen Konflikts sind. Und das hat nichts zu tun mit irgend einem Konzept, welches Sozialsystem höher bewertet wird in irgend einer Rangfolge von welthistorischem Entwicklungsfortschritt, sondern weil diese Staaten gerade jetzt meinen, sie könnten erfolgreich sein und das bekommen, was ihre Eliten wünschen – Land, Öl und Kontrolle – auf Kosten der Rechte von schwächeren Gegnern. [29]

Der Beweis dafür ist die zurückweisende Haltung, die die USA und Israel einnehmen und während der vergangenen dreißig Jahre eingenommen haben, wie es durch ihre UN-Stimmabgaben und ihre Missachtung des internationalen Rechts im Hinblick auf die Siedlungen, die Behandlung ihrer Opfer in den besetzten Gebieten und ihre rücksichtslosen und tödlichen Invasionen in die Länder des Nahen Ostens bewiesen wird. Harris ist eigenartig still gegenüber Israels beklagenswertem Menschenrechts-Protokoll in den besetzten Gebieten. Das passt nicht mit seinem Bedürfnis zusammen, die weltlichen Demokratien, einschließlich der zweideutig weltlichen jüdischen, für moralisch höherwertig zu halten.

Daher ist es nicht das Thema, dass Harris und ich übereinstimmen, dass die moderne weltliche Demokratie das bessere System ist – wir und vielleicht die meisten Integral World Leser, stimmen darin überein – die Frage ist, wie bekommen wir die modernen weltlichen Demokratien in die Gesprächsrunde, Israel und die USA, dass sie in ihrer Außenpolitik richtig handeln. Alle arabischen Staaten auf dem arabischen Gipfeltreffen 2002 in Beirut haben ihre lang bestehende Zusage zum internationalen Konsens über die Lösungsmöglichkeit des israelisch-palästinensischen Konflikts neu versichert. Sie bezogen sich in ihrer offiziellen Erklärung auf die „Initiative, die nach völligem israelischen Rückzug aus allen seit Juni 1967 besetzten arabischen Gebieten verlangt, mit der Durchführung der Resolutionen 242 und 338 des Sicherheitsrates, wieder bestätigt durch die Konferenz in Madrid 1991 und das Prinzip Land für Frieden und Israels Anerkennung eines unabhängigen palästinensischen Staates mit Ost-Jerusalem als seiner Hauptstadt, als Gegenleistung für die Einrichtung normaler Beziehungen im Kontext eines umfassenden Friedens mit Israel’’ [30]

Die Frage ist, wie man ein besseres Ergebnis fördern soll. Ich behaupte, dass wir eine weltliche, freiheitsliebende Inlandsgesellschaft unterstützen können, während wir die unmoralischen und illegalen Aktionen jener Staaten ablehnen, wenn sie falsch handeln. Wir können ebenso der Unterdrückung islamisch-arabischer Staaten auf legitime Weise begegnen und dass die gegenwärtige Bush-Regierung tatsächlich handelt, um die Unterdrückung und Terrorisierung mit ihren Aktionen zu fördern und zu verewigen.

Ein Hindernis für Harris’ selbst ernannte integrale Ansicht (die angeblich nicht nur „irgend eine alternative Sichtweise” ist wie meine) ist, dass die weiten Äußerungen, die er über die israelisch-arabische Geschichte macht, die Ansichten sind, denen die israelische „neue Historiker’’-Bewegung der späten Achtziger und Neunziger durch genaues Lesen der dokumentarischen Beweislage entgegnet hat. Zu allerletzt: man kann nicht mehr bloß jene grob vereinfachenden Ansichten auf den Markt werfen, wenn man ernst genommen werden möchte.

Harris und ich stimmen überein bei den Gefahren des extremen Fundamentalismus jüdischer, christlicher und muslimischer Art. Was seltsam ist bei Harris’ Schreiben über den Islam und die Araber, ist sein Verlangen, eine umfangreiche Beurteilung darüber zu geben: dass es da etwas bei dem Glauben und den Menschen gibt, das sie irgendwie schlecht macht oder zur Schlechtigkeit hin tendierend. Und dennoch sagt er bei anderen Gelegenheiten, dass er nur über die islamischen und arabischen Extremisten spricht. Aber ich frage mich, warum zu jeder möglichen Zeit es mehr Extremisten oder mehr Gemäßigte irgendeiner Religion gibt?

Die Frage zwischen uns ist: in welcher Proportion weisen wir Verantwortlichkeit zu für den arabisch-israelischen Konflikt? Die Antwort dazu ist ein Durchsieben des historischen Protokolls.


LITERATURHINWEISE

[1] Khalidi, Iron Cage , p. xxxiv.

[2] Pappe, A History of Modern Palestine , pp. 131 and 133.

[3] Flapan, Birth of Israel , (New York: Pantheon, 1987), p.37.

[4] Vidal, Dominique, "The Expulsion of the Palestinians Re-Examined" Le Monde Diplomatique , Dec. 1997, at http://mondediplo.com/1997/12/palestine

[5] Finkelstein, Norman, "A Land Without a People," Chapter 2 of Image and Reality of the Israel-Palestine Conflict , 2 nd edition, (London: Verso, 2003). Natürlich mag Finkelstein zu „kontrovers” sein, daher erzählt er hier – S.45-50 – die Aufnahme von Peters’ Buch und die vielen streng kritischen Betrachtungen, die es erhielt.

[6] Khalidi, Raja, The Arab Economy in Israel , (New York: Croom Helm, 1988), p. 41.

[7] Flapan, Simha, Zionism and the Palestinians , (New York: Harper & Row, 1979), p. 194. [Die] arabische Version [war, dass] es eine koloniale Enteignung eines einheimischen Volkes durch eine weiße Siedlerklasse gab, die auf Ausdehnung auf deren Kosten erpicht war.’’(S.194) Flapan bemerkt, dass die jüdische Einwanderung nach Palästina nicht das Ergebnis des europäischen Imperialismus war und dass die Juden das Land nicht übernommen und die einheimische Bevölkerung nicht unterjocht haben, auf eine den Kolonialisten typische Weise, wenigstens vor 1948, daher wäre es nicht richtig als „koloniale Enteignung’’ benannt.

[8] Khalidi, Rashid, The Iron Cage , (Boston: Beacon Press, 2006) p. 14.

[9] Flapan, Zionism , p. 223.

[10] Pappe, Ilan, A History of Modern Palestine , 2 nd edition, (New York: Cambridge University Press, 2006), p. 98.

[11] Flapan, Zionism , p. 198.

[12] Flapan, Zionism , p. 195.

[13] Khalidi, The Arab Economy ; Lewin-Epstein, Noah and Semyonov, Moshe, The Arab Minority in Israel's Economy , (Boulder, CO: Westview, 1993); Haidar, Aziz, On the Margins: The Arab Population in the Israeli Economy , (New York: St. Martins Press, 1995).

[14] Lewin-Epstein, The Arab Minority , p. xvi.

[15] Lewin-Epstein, The Arab Minority , p. 45.

[16] Khalidi, The Arab Economy , p. 41.

[17] Haidar, On the Margins , p. 180.

[18] Rahmani, Moise, "The Forgotten Exile," at http://www.hsje.org/The%20Forgotten%20Exile.htm

[19] Braude, Benjamin, and Lewis, Bernard, Christians and Jews in the Ottoman Empire, Volume I: The Central Lands , (New York: Holmes & Meier, 1982) p. 1.

[20] Braude and Lewis, Christians and Jews , p. 2.

[21] Stefan Winter, Assistenzprofessor für westasiatische Geschichte an der Universität Erfurt, at http://web.mit.edu/CIS/www/mitejmes/issues/200210/winter.htm

[22] Masters, Bruce, Christians and Jews in the Ottoman Arab World , (Cambridge: Cambridge University Press, 2001), p. 18.

[23] Masters, Christians and Jews in the Ottoman Arab World , p. 20.

[24] Silverstein, Ken, "Parties of God: The Bush Doctrine and the Rise of Islamic Democracy," Harper's Magazine , March 2007, pp. 43-44.

[25] Haidar, On the Margins , p. 3.

[26] Finkelsteins erschöpfend dokumentierte Zergliederung von Alan Dershowitz kann in seinem Buch Beyond Chutzpah: On the Misuse of Anti-Semitism and the Abuse of History [Über die Dreistigkeit hinaus: Über den Missbrauch des Antisemitismus und den Missbrauch der Geschichte], (Berkeley, CA: University of California Press, 2005) gefunden werden.

[27] "Norman Finkelstein & Former Israeli Foreign Minister Shlomo Ben-Ami Debate: Complete Transcript" at http://www.democracynow.org/finkelstein-benami.shtml and at http://www.normanfinkelstein.com/article.php?pg=11&ar=140

[28] Khalidi, Rashid, The Iron Cage , p. xi.

[29] Harris kritisiert meine Einfügung des amerikanischen Abwurfs von zwei Atombomben auf die Zivilbevölkerung von Hiroshima und Nagasaki als Terrorismus , weil das Bombardement beabsichtigt war, um amerikanische und japanische Leben zu retten durch das Vermeiden einer Bodeninvasion. Ob eine Bodeninvasion notwendig war oder nicht und wieviele gestorben wären, ist umstritten (siehe unten), aber wir wissen wirklich und das mit viel größerer Sicherheit, welche die Wirkungen des Abwurfs einer Atombombe auf die Zivilbevölkerung sein würden und dass es sogar in Kriegszeiten unmoralisch war, Zivilisten absichtlich zu töten. Der terroristische Akt des Bombenabwurfs beabsichtigte, Zivilisten zu töten und tat es auch. Natürlich kann in den hauptsächlichen amerikanischen Medienlexika „Terrorismus’’ nur von unseren Feinden verübt werden: unsere Gräueltaten sind bedauerliche Akte, qualvoll begangen und durch die schwierigen Umstände nötig geworden, die unsere Feinde uns aufgezwungen haben und gerechtfertigt durch unsere höhere, edle Berufung.

Betreffend das Fehlen von militärischer Notwendigkeit des Abwurfs der Atombomben:

Einer der namhaftesten Menschen mit dieser Meinung war der damalige General Dwight D. Eisenhower . Er schrieb in seinen Memoiren The White House Years [Die Jahre im Weißen Haus]:

“1945 informierte mich der Kriegsminister Simpson, als er mein Hauptquartier in Deutschland besuchte, dass unsere Regierung sich vorbereitete, eine Atombombe auf Japan zu werfen. Ich war einer derjenigen, die meinten, dass es eine Anzahl zwingender Gründe gab, die Klugheit eines solchen Aktes zu hinterfragen. Während seines Vortrags der relevanten Fakten war ich mir eines Gefühls von Depression bewusst und daher sprach ich ihm gegenüber meine gravierenden Befürchtungen aus, zuerst auf der Basis meines Glaubens, dass Japan bereits besiegt und das Abwerfen einer Bombe völlig unnötig sei und zweitens weil ich meinte, dass unser Land es vermeiden sollte, die Weltmeinung zu schockieren durch den Gebrauch einer Waffe, deren Anwendung, wie ich dachte, nicht länger zwingend erforderlich war als eine Maßnahme, um amerikanische Leben zu retten.’’

Weitere amerikanische Offiziere, die mit der Notwendigkeit des Bombardements nicht übereinstimmten, waren auch General Douglas MacArthur (der höchstrangige Offizier auf dem pazifischen Kriegsschauplatz), Flottenadmiral William D. Leahy (Generalstabschef beim Präsidenten), General Carl Spaatz (Kommandeur der U.S. Strategischen Luftstreitkräfte im Pazifik), und Brigadegeneral Carter Clarke (der Offizier des militärischen Geheimdienstes, der aufgefangene japanische Funksprüche für die amerikanischen Offiziellen zubereitete) and Admiral Ernest King , U.S. Chief of Naval Operations , Staatssekretär für die Marine Ralph A. Bard , und Flottenadmiral Chester W. Nimitz , Oberbefehlshaber der Pazifikflotte.

„Die Japaner hatten tatsächlich schon um Frieden ersucht. Die Atombombe spielte keine entscheidende Rolle, von einem reinen militärischen Standpunkt aus gesehen, für die Niederlage Japans." Flottenadmiral Chester W. Nimitz, Oberbefehlshaber der Pazifikflotte.

“Der Gebrauch [der Atombomben] auf Hiroshima und Nagasaki war von keiner materiellen Unterstützung in unserem Krieg gegen Japan. Die Japaner waren bereits besiegt und bereit, sich zu ergeben.’’Admiral William D. Leahy, Stabschef bei Präsident Truman.

Von dem Wikipedia Artikel, "Atomic bombings of Hiroshima and Nagasaki," at http://en.wikipedia.org/wiki/Atomic_bombings

[30] A copy of the statement can be found at http://www.al-bab.com/arab/docs/league/peace02.htm



© Jeff Meyerhoff 2007